Kategorie: Die tägliche Notiz

Das heimliche Wir

Man unterschätze nicht die Sinnlichkeit bloßer Sätze. Jedes Wort, das man miteinander austauscht, berührt die Seele, wie eine Hand die Haut berührt, im Druck kräftig, im Streicheln fast tangential, zum rechten Zeitpunkt oder an der falschen Stelle, verletzend oder heilend. So auch die Rede, die trifft und trennt, verändert oder verhallt. Immer aber hat sie das heimliche Wir mit ausgesprochen, das neben die Behauptung und Bezeichnung „Ich sage“ stillschweigend die Aufforderung stellt: Nimm mich beim Wort!

Praktizierte Klugheit

Zu jedem souveränen Umgang mit den Ansprüchen und Erfordernissen der Welt gehört ein Quantum Weltfremdheit. Sie hat nichts von Verträumtheit oder gar der Untüchtigkeit in den Alltagsdingen des Lebens. Im Gegenteil, als Wille, zu diesen gelegentlich Distanz aufzunehmen, ist sie eine Bedingung, sich ihnen intensiv widmen zu können. Heute beginnt die Fastenzeit. Man könnte das Fasten, wenn man es nicht verniedlicht zum Verzicht auf Alkohol oder Süßem, als eine Form praktizierter Klugheit verstehen, des Bewusstseins, dass Nähe eine befreiende Funktion des Abstands ist.

Wahnsinn

Zu jedem Wahnsinn, der die Welt schockt, gehört ein Publikum, das die abgrundtiefe Torheit eines Einzelnen durch seinen geistes- und herzensblinden Applaus erst machtvoll aufbläht. Die Personalisierung des Schreckens in Wendungen wie „Putins Krieg“ oder „Trumpismus“ unterschlägt die Resonanz, die eine Idiotie zum gefährlichen Irrsinn verstärkt.

Radikal

Eine Lesefrucht. Der Text ist geschrieben worden vor knapp hundert Jahren:
„Dem Radikalen heißt Leben und schlechtes Gewissen haben, Dasein und Verrat am Geiste ein und dasselbe. Seine Haltung wird von einem dauernden Insuffizienzbewusstsein getragen, so dass er es durch Überbetonung der Geistigkeit, durch Verabsolutierung seiner Ziele, durch Überspannung seines Willens zu kompensieren sucht. Radikal sein bedeutet Moralismus der Leistung, Misstrauen gegen Freude und Genuss, Verachtung des Scheins, des Leichten, alles dessen, was von selbst geht, Verehrung der Schwierigkeit und nur zu williges Bejahen der Bitterkeiten, die aus der Inkongruenz unseres Willens mit der Welt hervorgehen. Für den Radikalen gibt es nur ein Gesetz: Gründlichkeit.“*

* Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus (1924), Gesammelte Schriften V, 15

Haben und Sein

Der kleingeistige Wunsch des Lebens: Haben.
Der großspurige Wunsch des Lebens: Sein.

Was ich noch sagen wollte

In Gesprächen, in denen das Ungesagte die eigentliche Botschaft ist, darf das Ausgesprochene nicht nichtssagend sein.

Unter den Teppich gekehrt

Mit der Erfindung des Unbewussten hat sich die Vernunft kein Gegenbild geschaffen zum Bewusstsein. Sondern nur den Namen genannt, der alles umfasst, was dafür sorgen soll, dass das Bewusstsein auch dann funktionstüchtig bleibt, wenn es sich selbst gefährdet. Es ist die Bedingung seiner Möglichkeit. Das Unbewusste gehorcht dem Ordnungsprinzip einer realitätsverpflichteten Rationalität, wie der sprichwörtliche Teppich alles verdeckt, was unter ihn gekehrt ist, damit die Wohnung als ganze einladend strahlen kann.

Gesichtsmaske

Es stimmt, was immer gesagt wird, dass das Gesicht ein Spiegel der Seele ist. Eignet es sich doch bestens als Projektionsfläche für die Sorgen und Wünsche der anderen, die herauslesen, was sie hineingedacht haben.

Die Armut der Banken

Die meisten, die einem Vermögensbildung ans Herz legen, wissen nichts vom Vermögen der (Herzens-)Bildung.

In bester Absicht

Auch für das verdienstvollste Verhalten findet sich immer noch ein niederes Motiv, das es bestens erklärt.

Helfersyndrom

„Unglaublich, was Sie alles schaffen. Aber Sie müssen sich auch gelegentlich um sich selbst kümmern.“
Die Antwort kommt prompt, so ehrlich wie trostlos: „Das würde ich gern. Aber da ist keiner mehr.“

Was in der Grammatik fehlt

Man müsste den drei Aussageformen Indikativ, Konjunktiv und Imperativ noch die beiden grammatikalischen Modi Kontemplativ und Provokativ hinzufügen können. Sie erweiterten den Beschreibungsradius von Handlungen um die Felder des Nichtstuns und Allesforderns.

Gerade so verdächtig

Der vorsichtig formulierte, juristische Terminus Anfangsverdacht, der staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverpflichtungen nach sich zieht, ist bei genügend öffentlichem Interesse nicht selten verantwortlich für manchen biographischen Knacks und sorgt für das Urteil weit vor einem längst ausgemachten Schuldspruch. Das rechtsstaatliche Regulativ der Unschuldsvermutung wirkt da, eigens mitgenannt, schnell wie gesellschaftlicher Hohn, der gerade noch die Form wahrt.

Die Geschicht’ von der Moral

Man kann bei jedem machtvollen Moralprinzip fragen, welche Art von Angst sich zu einem solch festen Aggregatzustand hat pressen lassen. Es kommt nicht selten vor, dass dort, wo Dünkel und Anstand eine unselige Verbindung eingegangen sind, Zwangscharaktere geboren werden.

Abwehrmechanismus

Eine Liebe, gegen die man sich nicht gewehrt hat, ist keine Liebe.

Varianten von Wahrheit

Wahrheit in der Logik: was zwingend aus den Voraussetzungen folgt.
Wahrheit in der Politik: was nicht dementiert werden muss.
Wahrheit in der Medizin: was die Heilung fördert.
Wahrheit in der Religion: was Wege öffnet, die Leben verheißen.
Wahrheit in der Geschichte: was so nie stattgefunden hat, aber nicht bezweifelt wird.
Wahrheit in der Literatur: was in Frage zu stellen ist.
Wahrheit im Recht: was aufgeklärt und bewiesen werden muss.
Wahrheit in der Philosophie: der Begriff, ohne den sie nicht denken könnte.
Wahrheit in der Kunst: alles jenseits des Schönen.
Wahrheit im Leben: die Zumutung, an der es sich aufrichtet.

Schöne Eitelkeit

Nie ist Eitelkeit so schön wie im hohen Alter.

Tonspur

Erfolgreich kommunizieren: nach unten stets als Chef sprechen, nach oben wie der Chef reden.

Wendezeit

Was so harmlos beschwörend „Zeitenwende“ genannt wird, als ließe sich wie bei einer Wendejacke der Stoff einfach von links nach rechts drehen, sobald die Außenseite zu viele Gebrauchspuren aufweist, ist in Wahrheit jedesmal die brutalste Phase im Gang der Geschichte. Denn bevor die Zeit sich wendet, wendet sie sich erst einmal gegen die, die mit der Zeit gehen. Übergang, Transformation, das sind die schönfärberischen Bezeichnungen für einen welthistorischen Abschnitt, der nicht ohne Niederlagen und Untergänge, Aufkündigung oder Demontage sich vollzieht. Es kommt zu Brüchen. Und über Brüche gelangt man nur durch einen beherzten, weil riskanten Sprung*.

* Der marxistische Philosoph Georg Lukács hat noch vor Heidegger im Jahr 1911 sich intensiv mit der Radikalität des Existenzdenkens befasst: „Kierkegaard sagte einmal, die Wirklichkeit stehe in keinem Zusammenhang mit den Möglichkeiten, und trotzdem baute er sein ganzes Leben auf einer Geste auf … Die Geste ist der Sprung, mit dem die Seele aus dem einen in das andere gelangt, der Sprung mit dem sie die immer relativen Tatsachen der Wirklichkeit verlässt, um die ewige Gewissheit der Formen zu erreichen. Die Geste ist mit einem Wort jener einzige Sprung, mit dem das Absolute sich im Leben zum Möglichen verwandelt.“ – Die Seele und die Formen. Essays, 63ff.

Das geniale So

Auch wenn sie vom Notenblatt ablesen, spielen große Musiker die Komposition so, als sei sie gerade erst im und für den Augenblick des Vortrags entstanden. Wie umgekehrt die Genialität einer Improvisation sich in der Überlegenheit einer Tonfolge ausdrückt, die sich den Charakter gibt, als hätte sie niemals anders aufgeschrieben sein können. Freiheit und Notwendigkeit legen sich in beiden Fällen kaum unterscheidbar übereinander und bilden jenen gelösten Zwang, dem nur die willige Hingabe, des Künstlers wie des Publikums, zu entsprechen vermag.

Selbstentmündigung

Sobald das Maß derer groß genug ist, die zu ungebildet sind, um der Propaganda von Interessengruppen mit klarer Widerrede entgegenzutreten, ist der Punkt erreicht, an dem eine Demokratie sich durch ihren eigenen Grundsatz, der Gleichheit der Stimmen, selbst gefährdet. Es sind diese Stimmen, die jene an die Macht bringen, welche wenig später das Volk für so blöd erklären, dass man ihm das Wahlrecht entziehen müsse. Am wirksamsten lassen sich diktatorische Tendenzen verhindern durch die Lust am Lernen, durch ungebundene Neugier und den Willen, sich in seiner Naivität aufgeklärt enttäuschen zu lassen.

Das große Ganze

Moderne Gesellschaften und die Organisationen, die in und von ihnen leben, überfordern sich mit dem Anspruch, Würfe und Entwürfe für „das große Ganze“ – nicht zu entwickeln, aber – umzusetzen. Dagegen steht das, was der Soziologe funktionale Ausdifferenzierung nennt, ein Wimmelbild unterschiedlicher und gegenläufiger Aufgaben, die sich stören, ja behindern, dann wieder ergänzen und fördern. Das ist nichts für weitumspannende Pläne, nichts für prinzipielle Problemlösungen, sondern das Szenario, das der Feinstruktur einer überlegenen Strategie würdig ist, die an Komplexität nicht verzweifelt. Der Zeitdiagnostiker formuliert es so: „Eine Gesellschaft tut also, was sie stets tut – sie ist leistungsfähig dort, wo es um konkrete Lösungen geht (und macht dann doch nachgerade unfassbare Fehler), sie ist insuffizient dort, wo es um grundlegende Lösungskonzepte geht (und ist gerade deswegen in ihren unterschiedlichen Funktionen und Logiken so leistungsfähig).“* An Fachkräften mangelt es einer solchen Gesellschaft mindestens genauso schmerzlich, wie es sie einschneidend behindert, wenn ihr Menschen fehlen, deren Fähigkeiten weiter reichen als das Wissen von Spezialisten.

Armin Nassehi, Unbehagen, 91

Musik in meinen Ohren

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

… Draußen, obwohl die Sommermitte zu später Stunde die prächtigsten Farbenspiele am Horizont vorhält, lässt nur noch ein fahler Schimmer zwischen den Häusern am gegenüberliegenden Ufer ahnen, dass dieser Tag schon sehr lang dauert. Der Topf mit dem Curryrest steht ausgekühlt auf dem Herd. Aus einem versteckten Lautsprecherpaar hinter den Stahlträgern des Lofts, die mit schwarzem Bootslack behandelt sind, dringt die Stimme von Rebekka Bakken raukehlig: „And if I have to go“. Alles deutet auf Abschied.
Nur das Gespräch am Tisch will nicht enden. Die beiden haben sich in ihre Themen tief verstrickt und verkeilt, je nach Stimmungslage mal sehr einverständig, dann wieder aufgeregt kontrovers. „Sag mal, wenn du schreibst …“, hebt sie an. „Ja, was ist dann?“ unterbricht er sie, um kurz gedanklich Luft zu holen, bevor es persönlich wird. Er weiß, was kommt. „Also, wenn du schreibst …, hast du das dann irgendwie auch erlebt?“ Das ist die Frage, die ihm immer gestellt wird von Menschen, die hinter die Wörter wie hinter eine Fassade schauen wollen im Wunsch, ihn selbst dort zu treffen. Als ob er wüsste, wer dieser „ihn selbst“ ist und wo er zu finden sein würde.
„Wie man’s nimmt“, sein Lächeln umspielt ein leicht maliziöser Zug. Er spürt es und kann sich dagegen nicht wehren, obwohl er ihr gegenüber nicht einen Hauch von Böswilligkeit empfindet. Im Gegenteil. „Du lebst und erlebst das irgendwie immer. Aber ich bin ja nicht der Protokollant meiner Seele. Es ist alles Fiktion. Deswegen notiere ich über meine Texte gelegentlich Aus dem noch ungeschriebenen Roman. Damit bloß keiner meint, es gebe einen Bezug zur Wirklichkeit. Das ist doppelt und dreifach verklausuliert. Niemand kann zitieren aus dem, was ungeschrieben ist, allenfalls aus Unveröffentlichtem. Der Roman bleibt ungeschrieben, auch wenn ein Stück so tituliert und geschrieben ist. Ist es dann die falsche Überschrift? Nein, aber eine gelegte, falsche Fährte. Selbst unser Dialog im Moment steht unter diesem Motto. Er hat also nie stattgefunden. Und ist dadurch so lebendig. Verstehst du?“
Diese letzte Drehung bereitet ihr Schwindel. Wie soll das gehen: so zu reden, als könne man ihre Sätze mit Händen greifen, jetzt und hier in ihrer Wohnung, und zugleich Teil einer literarischen Einbildung zu sein? Das überfordert sie. „Mich überfordert das auch“, sagt er. „Kennst du The Purple Rose of Cairo? Die Filmkomödie von Woody Allen, als er noch brillant war und man von ihm schwärmen konnte, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Mit Mia Farrow in der Hauptrolle. Da steigt der Schauspieler während der Vorstellung plötzlich aus der Leinwand, durchbricht die berühmte vierte Wand, und beginnt in der Realität, also im Film, mit der Protagonistin eine Liebesaffäre. Oder erinnere dich an diese perfekten Illusionen in den großen Gärten, das Ha-Ha, die Grenzmauer, die in einem Graben versenkt ist, so dass dem Besucher des Parks sich der Eindruck vermittelt, er höre nirgendwo auf. Oder das Perspektiv, ich glaube es heißt ,Das Ende der Welt‘, wo ein Laubengang in eine Tromp-l’oeil-Malerei übergeht, reine Augenwischerei, aber faszinierend inszeniert. So ist es zuweilen mit Worten.“
Sie wird traurig. Den ganzen Abend über hat sie gedacht, dass ihr da ein klarer Kopf gegenüber sitzt, ein wenig verträumt, ab und zu leicht verpeilt, im Grunde jedoch ein ehrlicher, fester Charakter, verlässlich halt. Und dennoch nicht langweilig. Das allerdings, was er eben erzählt hat, wirft sie zurück. Sie will noch nicht aufgeben und die Zensur verteilen, die sie schon öfter vergeben musste in letzter Zeit und die „Wieder nichts!“ heißt, wenn sie mit ihren neugierigen Freundinnen sich austauscht. Aber sie ist skeptisch geworden, zumindest unsicher.
„Was ist?“ fragt er. Er hat gemerkt, dass seine intellektuellen Girlanden ihr vorkommen müssen, als drehe er Locken auf einer Glatze. „Was hast du plötzlich?“ „Nichts“, bricht es prompt aus ihr heraus, was auch bedeuten könnte: Alles.
Ihm fällt auf, dass die Songs inzwischen längst verklungen sind. Kein sentimentaler Jazz mehr aus Hoch- und Tieftönern. Der hohe Raum wirkt plötzlich noch größer, weil es still geworden ist in ihm. „Mir ist das alles ein bisschen zu kompliziert. Das ist das Schöne an der Musik. Sie hat keinen doppelten Boden. Eigentlich ist das meine Art, Worte zu machen. Weniger sprechen, mehr singen.“ „Bei mir ist es umgekehrt“, sagt er leise. „Ich rede und rede und rede in der Hoffnung, auf diese Weise eine eingängige Melodie zu finden, in die man einstimmen kann.“ Die leichte Bedrücktheit hat sich nun auch auf ihn gelegt. Beide fragen sich heimlich, wie sie da heute noch herausfinden. „Komm!“ sagt sie unvermittelt. „Lass uns spielen.“ …

Die Kampfeslust der Philosophie

Geradezu martialisch knapp benennt Adorno eine der zentralen Aufgaben der Philosophie. Es gelte, Weltanschauungen „zu liquidieren“*. Und zwar durch so konsequentes Denken, dass sich alle Ideologie und Verschwörungstheorie darunter auflösen. Denken allein, im alltagssprachlichen Sinn, reicht da nicht; es muss schon die Kniffe der Folgerichtigkeit, logische Strenge und argumentative Genauigkeit beherrschen. Denn in vielem sind sich das Streben nach Wahrheit und die Sehnsuchtsbefriedigung durch eine Weltanschauung verwandt, nur dass diese sich nicht schert, ob real genannt zu werden verdient, was sie behauptet. Einheit und Einfachheit der Vorstellungen sind ihr entscheidend, wie auch der klassische Wahrheitsbegriff sich diese Ideale zuschreibt. Was also ist der Unterschied? Wahrheit beugt sich der Wirklichkeit, wohingegen die Weltanschauung die Wirklichkeit beugt.

* Philosophische Terminologie I und II, Nachgelassene Schriften, Abt IV, Bd. 9, 153