Es gibt Freundschaften, die darunter leiden, dass zu wenig Zeit ist für die Begegnungen. Und es gibt die andere Form, die nicht vertrüge, wenn man sich oft und regelmäßig träfe. Die eine braucht das gemeinsame Erleben; die andere ergötzt sich lebendig an der Erzählung. Und dann gibt es jene dritte Weise der Verbundenheit, die weder das noch dieses pflegt, sondern gelegenheitsabhängig ist: Man verabredet sich nicht, sondern trifft sich, eher zufällig, und genießt pur, was Erleben und Erzählen zu ihren schönsten Eigenschaften zählen: dass sie überraschen.
Feuerpause
Oft ist das, was wir als Frieden bezeichnen, nicht mehr als ein Erschöpftsein von unermüdlich lang anhaltenden Kämpfen. Zum Friedensschluss gehört Kraft, die genau in jenen Momenten fehlt, da er am nötigsten wäre.
Ende vom Anfang
Die Raunächte sind vorüber; auch bei den politischen Parteien wird zum Dreikönigstag abermals ungehobelt polemisiert. Der raue Alltag hat begonnen. Zwischen den Jahren, diese unwirkliche und ins gerade angebrochene hinein verlängerte Zeit, ist vorüber. In ihr ließen wir für den Augenblick von knapp zwei Wochen unsere besseren Eigenschaften aufleben jenseits von Druck und Zwang. Fortan dominieren wieder Funktionsfähigkeit, Effizienz und das kalte Kalkül, also die ökonomischen Gesetze einer prinzipiellen Knappheitsvorstellung, die so manches Leben auf die Rohheit und Robustheit von Überlebensstrategien beschränkt. Das, wofür das Rohe auch steht: das Ursprüngliche, kann einem Lebewesen, das durch und durch seiner Fähigkeit zu Kultur wegen seinen Rang hält, kein Ideal sein. Menschlich zu sein bedeutet, seine Anfänge, seine Natur, sein Wesen überwunden zu haben zugunsten von Natürlichkeit und Charakter.
Ja, was? Nein, wie?
Je komplexer Situationen sind (je ausgereifter eine Wissenschaft, je verstrickter eine Beziehung, je abhängiger das Geschäftsmodell), desto weniger reicht das sachlich Richtige, um sie zu verstehen oder gar, sofern problematisch, aufzulösen – auch wenn alles darauf ankommt, dass die Inhalte präzise stimmen. Nur, von welcher Art sind diese Inhalte? Es genügt nicht, sie zu kennen; vielmehr übernimmt die Wechselwirkung zwischen ihnen die Regie, nicht zuletzt, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Was wird nicht nur durchs Wie ergänzt. Das Was wird aber auch nicht vom Wie ersetzt. Das Was ist das Wie. Wie sag ich‘s, wenn Kommunikation die Botschaft nicht verfremden soll? Wie denke ich‘s, damit ein Problem nicht unnötig unscharf wird, aber dessen gebotene Unbestimmtheit erhalten bleibt? Es könnte sein, dass die herkömmliche Logik damit überfordert ist, indes fuzzy logic, Dialektik, Kybernetik, System- oder Polykontexturalitätstheorien die Schwierigkeit eher beschreiben als beheben.
Lauter Wörter
Wer schreibt, wünscht gelesen zu werden. Und zugleich ist dies seine Furcht: gelesen zu werden. Hier sucht er die Anerkennung, dort verzagt er vor dem Urteil. Hinter beidem steckt die heimliche Sehnsucht, Achtung zu erlangen, ohne sich der Begutachtung aussetzen zu müssen. Wie man so ein Ansehen nennt, das auf Einschätzung und Abschätzung verzichtet? Es ist wohl die reinste Form der Liebe. Wer schreibt, hofft geliebt zu werden, als Erwiderung auf nichts als lauter Wörter.
Der hohe Ton
Was eine Gesellschaft vor allem erreicht, die eine Politik des hohen Tons pflegt, welche in der Öffentlichkeit mit anspruchsvollen moralischen Standards auftritt: dass die Heuchelei auf der einen Seite zunimmt und die Entrüstung auf der anderen.
Wenn es keine Experten gibt
Lebendig ist das Leben meist dort, wo es keine Experten gibt: in der Freundschaft, beim Spiel, wenn Mut verlangt wird, während Trauerphasen. Oder sollte sich jemand mit Fug Tränenspezialist nennen können, eine Kapazität auf dem Gebiet der Beherztheit, sich als Fachfrau fürs Nutzlose ausgeben oder sachkundig sein in allen Vertrautheitsformen? Der Spezialist büßt für sein Wissen nicht selten mit dem Verlust an Vitalität.
Unsinnsvermeidungsgrundsatz
So groß der Wunsch, so dünn die Erwartung, erfüllt zu werden: dass wieder mehr Menschen, bevor sie sich äußern, nicht nur die eigene Sicht auf die Dinge formulieren, sondern auch die Perspektiven anderer einbeziehen. Schon Immanuel Kant sah im Willen und der Fähigkeit, „an der Stelle jedes anderen (zu) denken“*, einen der Hauptgrundsätze, garantiert Unsinn zu vermeiden. Über der Frage: Was will ich sagen? steht die Einsicht in das, was die anderen hören können, wollen und sollen.
* Kritik der Urteilskraft, § 40
Lebenseinstellungen
Der immer ans Ende denkt, meint: Nur nicht aufregen. Ist alles schon mal dagewesen.
Der die Anfänge liebt, sagt: Wie aufregend. Lass dich überraschen.
Abschied vom Jahr?
Dass Leben lernen bedeutet, sich verabschieden zu können, ist eine alte Weisheit, die Sigmund Freud als Grundmotiv seiner Psychoanalyse verwendet hat. Wer nicht fähig ist, zugunsten des Realitätsprinzips Vorstellungen von sich selbst zu begraben, wird vielleicht nicht von seinen Träumen, aber von seinen Träumereien auf gelegentlich sozialunverträgliche Irrwege geführt. Die Kunst ist immer, im Guten auseinanderzugehen, und damit zurechtzukommen, dass sich nicht selten erst zeigt, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat. Zum wahren Wert gehört nicht unwesentlich das Vermisstwerden. Wir verabschieden ein Jahr. Aber stimmt das? Es sind Menschen, die in ihm gegangen sind, Beziehungen, die zerbrochen, Erwartungen, die gestorben, Hoffnungen, die begraben sind. Und mit ihnen keimen frische Wünsche auf, schlägt Zuversicht einen Bogen ins Weite, geben neue Verhältnisse Anlass zu vertrauen. Beides nehmen wir mit ins Morgen, vielleicht in anderer Weise, als Erinnerung oder als Plan. Die Zäsur eines Jahreswechsels lenkt die Aufmerksamkeit darauf: dass bei allem, was wir (bei-)behalten, sich zwingend die Formen ändern. Und mit diesem Übergang die Aufgabe gegeben ist, sie zu gestalten.
Der indiskrete Blick
So faszinierend es zuweilen ist, dabei beobachtet zu werden, wie man während des Sprechens seinen Gedanken erst findet (es sind die erwartungsvollen Blicke wie Fragen, die auf Erwiderung drängen), so beklemmend ist das Gefühl, wenn einem einer beim Schreiben über die Schulter schaut. Was macht den Unterschied? Die Rede ist eine Variante des Dialogs, auch wenn nur einer sich äußert; der Text ist eine Form des Monologs, auch wenn ihn viele lesen.
Anregung, Erregung
Keine Kunst ist so sehr angelegt auf den Widerhall, der mit dem schlichten Echo nicht verwechselt werden darf, wie die Musik und die Architektur. Sie affizieren den Menschen, indem sie ihn einnehmen und aufnehmen in Räume, Atmosphären, Stimmungen, denen er weniger durch Reflexion entspricht als durch Anregungen des Eigenen. Nicht ohne Grund sucht das Denken sich Umgebungen, in denen es, sanft erregt von harmonischen Tonfolgen oder eingehüllt von einem spannungsreich gestalteten Ort, sich zu Höchstleistungen aufschwingt. In einem Dialog zwischen Sokrates und Phaidros schreibt Paul Valéry von der tiefen Verwandtschaft der Architektur und der Musik mit uns: „Es gibt also zwei Künste, die den Menschen in den Menschen einschließen, oder vielmehr die das Wesen einschließen in sein Werk und die Seele einschließen in seine Handlungen und in die Ergebnisse seiner Handlungen … Die Musik und die Architektur lassen uns an etwas anderes denken als sie selbst.“*
* Eupalinos oder der Architekt, Werke 2, 35.37
Krisenkampf
Im Wettbewerb der Krisen untereinander gewinnt in der Regel das drängendste Problem. Wir haben gelernt, nach Lösungen erst zu suchen, wenn die Schwierigkeit sich genau genug aufgetan hat. So lange die Frage sich nicht stellt, lässt sich als Antwort nichts identifizieren. Vorbereitet zu sein bedeutet nicht, auf alles sich eingestellt zu haben. Es ist vielmehr die Fähigkeit, die Methoden zu kennen und zu beherrschen, mit denen Auswege zu beschreiten sind, wenn sie gefunden werden müssen.
Zur Lage der Nation
„Ich möchte alle Menschen auffordern, über ihre Lage nachzudenken und sich vernünftige Begriffe von ihr zu machen. Es kann durchaus sein, dass sie unter einer guten Regierung leben, ohne es zu merken. Denn das politische Glück kennt man erst, wenn man es verloren hat.“*
* Montesquieu, Meine Gedanken, Nr. 2001, 353
Heute geschlossen
Der noch unerfüllte Wunsch inmitten von Geschenkebergen nach Festbratengelage und Verwandtschaftsinvasion: ein Paar Augenlider, auf denen steht „Heute geschlossen!“
Familienfeier
Es könnte den Verlauf des familiären Festwochenendes glücklich befördern, wenn ein nicht unwesentlicher Aspekt der weihnachtlichen Botschaft, der nämlich, sich nicht rechtfertigen zu müssen, bis ins letzte Glied vorgedrungen wäre.
Das Unwahrscheinliche und das Unmögliche
Hoffnung ist jene Form der Verzweiflung, die sich nicht aufgegeben hat. Von aller Erwartung bleibt nichts als das Unwahrscheinliche. Man kann ihr nicht anders entsprechen als in der Rede von einem, dessen vornehmste Eigenschaft bedeutet, dass ihm kein Ding unmöglich ist (Luk. 1,37). So erfährt eine Welt, die sich längst nichts mehr schenkt, dass in jedem Geschenk das Urteil und dessen Aufhebung sich versteckt, es nicht verdient zu haben. Frohe Weihnacht!
In den letzten Zügen
Die Freundin: „Du siehst glücklich aus.“
„Ach ja?“, erwidert er. Woran sie das denn erkenne?
„Am gelösten Gesichtsausdruck.“
„Das ist die fehlende Kraft zum Ende des Geschäftsjahrs“, fügt er erklärend hinzu. „Der Kipppunkt ist offenbar schon überschritten, von dem an die Anstrengung sich in nachlassender Muskelspannung zeigt.“
„Meine ich doch: wie in den Momenten, da man am glücklichsten ist.“ Ein maliziöses Lächeln umspielt ihre Lippen.
Er wirkt nachdenklich. „Seltsam, dass das Glück sich kaum merklich unterschieden zeigt vom Zustand, nur fertig zu sein.“
„Wieso? Hat es nicht immer mit diesen Augenblicken zu tun, in denen man etwas hinter sich gebracht hat?“
„Aber ist es nicht wichtig, ob ich nicht mehr will oder nicht mehr kann?“ So meint er, der Sache auf die Spur zu kommen.
„Du verrennst dich.“ Sie behält dabei den leicht boshaft-überlegenen Ton. „Ich werde dich bei nächster Gelegenheit fragen und bin sicher, dass es dir dann egal ist, ob du nicht mehr willst, weil du nicht mehr kannst.“
„Pah!“
„Es gibt einen wichtigen Unterschied, mein Freund“, sagt sie: „… du musst nicht.“
Ein Fest für die Liebe
Unter den vielen Kräften, die der Liebe zugeeignet sind, gehört jene der Unmittelbarkeit und unbedingten Gegenwart zu den faszinierendsten. Wie ein Sog im Fluss, der alles verschlingt, lässt sie Gedanken an die Zukunft in ihren schönsten Augenblicken vollständig verschwinden: Keine Sorgen, keine Ängste, keine Beklemmungen kommen hoch, nicht einmal die Hoffnungen, die sich mit ihr dauerhaft verbunden haben, beflügeln Phantasien. Sie könnten ja Zweifel wecken. Wer liebt, ist ganz bei sich, weil er ganz bei einem anderen ist, so dass er ganz präsent ist. Der jüngst gestorbene Philosoph Dieter Henrich hat einen kleinen Band geschrieben über ein neutestamentliches Wort*, das diese Erfahrung der Liebe verdichtet: „Die Liebe, die eine Zugehörigkeit auch jenseits der Abhängigkeit in gegenseitiger Attraktion gründet, hat die singuläre Eigenschaft, dass die Sorgen des Alltags und vor der Zukunft ihre bedrängende Realität verlieren. Sie können sich vor der Gegenwart liebender Gemeinschaft zu Schemen aus einer anderen Zeit und Abhängigkeit abschwächen und in unbestimmte Ferne rücken.“**
* 1. Joh. 4,18
** Dieter Henrich, Furcht ist nicht in der Liebe, 41
Was not tut
Bei dem vielen, das vor dem Jahresende noch zu erledigen ist, bleibt nach getaner Arbeit kaum die Befriedigung, es erledigt zu haben, als die Befindlichkeit, erledigt zu sein.
Sprachloser Glaube
In ihrer Angst vor gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit greift die Kirche zu Maßnahmen, die sie theologisch irrelevant werden lässt. Mehr als dass die Welt sie nicht mehr braucht, sollte sie allerdings fürchten, dass sie für jene nicht mehr von Belang ist, die noch glauben. Am Ende entscheidet sich immer, ob einer allenthalben gehört wird, an der Frage, ob er etwas zu sagen hat. Unter den vielen bildreichen Szenen der Weihnachtsgeschichte geht oft unter jener eine stille Augenblick, in dem nur angedeutet wird, dass die, durch die das Wort Fleisch geworden ist, zugleich auch die sei, die alle Worte in ihrem Herzen bewahrt hat. Gewiss waren das weder Sätze betulicher Ermahnung noch Moralgebote, keine linkischen Anbiederungen ans Tagesaktuelle oder wirkungslose Friedensappelle, auch nicht peinliche Rechtfertigungen und befremdlicher Trotz. Sondern: Gesten des Trosts, der Befreiung und des Muts, der Barmherzigkeit, der Versöhnung und der Zuversicht.
Ohne Verzicht kein Genuss
Der Vorteil von Erfahrung besteht weniger in der Fülle dessen, was man schon erlebt hat, als in der wachsend genauen Kenntnis dessen, was zu erleben nicht lohnt.
Zwei Sehnsüchte
Die eine Sehnsucht, die viele mit den nächsten Tagen der Festfolgen verbinden, dass sie der Welt entkommen, indem Ruhe einkehrt in das Geschehen (die regelmäßig schlechten Meldungen aus den Nachrichten verschwinden, die Rechnungen in der Post verebben, der Kurzurlaub Entspannung schenkt), dieser Wunsch nach Weltferne trifft in der Feier der Weltnähe Gottes zu Weihnachten auf seine Gegendynamik. Wenn diese zwei widergericheten Bewegungen nicht aneinander vorbeilaufen, ist die Chance groß, dass aus der Verbindung von Weltflucht und Zur-Welt-Kommen Weltveränderung erwächst.
Meiner ist größer
Das Pärchen sucht einen Baum fürs Fest und schlendert unentschlossen zwischen den mannshohen Fichten und den meterlangen Nordmanntannen hin und her. „Was soll’s denn sein?“ Seit ungezählten Jahren kennt der Verkäufer seine Stammkundschaft, die Gelegenheits- und Schnäppchenjäger, den einsamen Alten und eben die, die zum erst Mal Weihnachten zusammen feiern. Und noch nicht recht wissen, wie. „Schatz, schau mal“, ruft sie aus der Ecke mit den kurzgeratenen Gewächsen, „so ein kleiner ist doch auch süß“. „Der kommt mir nicht ins Haus“ erwidert er bestimmt. „Zu mickrig. Außerdem nadeln die Fichten viel zu schnell. Stimmt’s?“ Mit sicherem Griff packt der Verkäufer zu einer stattlichen Tanne, mindestens deckenhoch, eher was für Treppenhäuser und Foyers, und präsentiert sie ihm. „Das ist er. Ich bin sicher. Was sagen Sie?“ Das Pärchen schaut, sie verunsichert, er beherzt. „Meinst du nicht, dass unser Wohnzimmer zu klein …?“ Da hat er sie schon unterbrochen. „Gekauft. Den nehmen wir. Der ist ein bisschen wie ich: stark, groß, mit offenen und kräftigen Armen. Der passt.“ Sie will noch widersprechen, da hat er schon den Geldschein aus der Tasche gezogen. „Stimmt so“, sagt er, von sich und seiner Entscheidung fest überzeugt. „Wenn du dich da mal nicht täuschst“, meint sie nur leise, als hätte sein Entschluss längst größere Auswirkungen zu erwarten als nur die Frage, ob Kugeln und Lichterkette reichen für das mächtige Stück, das zu Hause wohl noch ordentlich eingekürzt werden muss.