Schroffe Fassade

Es gibt eine Schüchternheit, die zunächst nicht anders erscheint denn als Schroffheit.

Winterwunderland

Die Weihnachtsmärkte, so voll wie ehedem. Die Gespräche beim Glühwein, so ausgelassen wie ausfallend. Der Reibekuchen am Stand, so ranzig, als sei das Fett aus der Vorsaison. Das Wetter, eiskalt. Die Kerzen, verrußt. Die Musik, nervig. Es ist alles zuckergussheimelig wie immer. Nur die Welt ist inzwischen dunkler geworden, ratloser und härter, ängstlicher oder ärmer. Mit ihr stimmt es so gravierend nicht, dass sich trotz allem die kindliche Vertrautheit aus Gewürzduft und Glockengebimmel nicht einstellen will. Verlogenheit legt sich wie nasser Schnee schwer auf die Stimmung. Der Budenzauber ist verflogen. Als passte alles für die Geschichte von einer Welt, die sich mit sich selbst so überfordert hat, dass schon ein Gott kommen muss, sie von sich zu erlösen …

Der Narzisst vor hundert Jahren

Eine Lesefrucht:

„Wie doch die Menschen einander das Leben unklar und schwer machen. Wie sie einander herabsetzen, zu verdächtigen und zu verunehren bestrebt sind. Wie doch alles nur geschieht, um zu triumphieren. Was sie zu tun unterlassen, daran sind Äußerlichkeiten schuld, was sie verfehlen, das haben sie nie selbst verbrochen. Immer ist der Nebenmensch nur ein Stein im Weg, immer ist die eigene Person das Beste und Höchste. Wie man sich Mühe gibt, sich zu verschleiern, in der Absicht, weh zu tun. Wie sehnt man sich oft nach offenkundigen, ehrlichen Grobheiten. Das Herz tönt wenigstens in den Wutanfällen. Sonderbar ist, wie wenig ernst die Menschen einander nehmen, wie sie tändeln im Ton der Missachtung mit dem Edelsten, Kostbarsten und Bedeutungsvollsten.
Und wie sie nie ermüden, zu nörgeln, wie sie nie auf den einfachen Einfall kommen, zu hoffen, es gebe Großes, Gutes und Redliches auf der Erde. Dass die Erde das Ehrenwerte sei, will ihnen, so einleuchtend das auch ist, niemals einleuchten. Nur vor ihren eigenen Tändeleien empfinden sie den Respekt, der der Welt, dieser Kirche voller Majestät, gebührt. Wie sie ernst nehmen, was sie sündigen, wie sie noch nie, solange sie erwachsene Menschen sind, geglaubt haben, etwas Feineres und Beherzigenswerteres könne existieren, als sie selber. Wie sie das Unanbetenswerte immer und immer wieder anbeten, das uralte goldene Kalb, das ausdruckslose Scheusal, wie sie emsig glauben ans Unglaubwürdige. Die Sterne bedeuten ihnen nichts, sie meinen, das sei etwas für Kinder: doch sie, was sind sie anderes als unartige Kinder, versessen in das, was man nicht tun soll. Wie sie Angst um sich herum zu verbreiten wissen, im Bewusstsein, dass sie sich selber immer ängstigen vor irgend einem dunklen und dumpfen Etwas. Wie sie sich sehnsüchtig wünschen, nie Dummheiten zu begehen, während doch gerade dieser unedelherzige Wunsch das Dümmste ist, was unter der Sonne empfunden werden kann. Sie wollen die Klügsten sein und sind die denkbar Elendesten … In der Tat, sie geben zu Bedenken Anlass.“*

* Robert Walser, Bedenkliches, in: Phantasieren. Prosa aus der Berliner und Bieler Zeit, 102f.

Das Problem bin ich

„Nicht einmal mehr zwei Wochen“, stöhnt sie. „Ich habe noch nicht ein einziges Geschenk.“
„Willkommen im Club“, sagt er nüchtern. Und fügt an: „Der Trend geht übrigens zum geschenkefreien Fest. Es kommt doch vielmehr auf die inneren Werte an, die so ganz und gar nicht zum leeren Zeitvertreib in Internetshops und dem freudlosen Hetzen durch die City passen.“
„Höre ich da einen heimlichen Wunsch? Das Raunen phantasieloser Bequemlichkeit?“
„Ja. Lass uns dieses Jahr nichts schenken. Okay?“
„Du bist nicht das Problem.“ Er zuckt zusammen und reagiert nicht. „Was ist?“
„Ich bin vielleicht nicht das Problem“, erwidert er. „Aber jetzt habe ich eins.“

Das Kalkül der Kontrolle

In einer überkomplexen Welt ist die beste Art, mit allem zu rechnen: sich souverän überraschen zu lassen. Die präzise Erwartung richtet sich nicht an das, was kommt, sondern an den, der erwartet. Kontrolle gelingt nur als Selbstdisziplin.

Flaches Theater

Ohne die Vertikaldimension des Lebens – Höhen und Tiefen – taugt dessen Horizontaldimension – Herkunft und Zukunft – nicht zur Erzählung. Geschichten sind immer mehr als Chronologien. Sie geben Auskunft über Abgründe, Fallen, Emphasen, handeln von den Verirrungen und den Verhältnissen, die einer entwickelt hat zu seiner Neigung, Umwege zu gehen; kurz: sie beginnen nicht einfach, sondern fangen an, und hören nicht schlicht auf, sondern enden.

Jenseits gesunder Skepsis

Es gibt nur ein Versprechen, dem unbedingt zu glauben gerechtfertigt ist: das der Liebe.

Das Geheimnis der Gewinner

Du hast das Spiel verloren in dem Augenblick, da du es für selbstverständlich nimmst.

Formen der Freiheit

Angst ist die Form der Freiheit, die vor sich selbst erschrocken ist.

Erfolgsfaktor

Vertrauen ist Gewissheit in der Beziehung, die Sicherheit im Handeln schenkt.

Potthässlich

Wenn, wie in der Mode oder der Architektur, die Suche nach Auffälligkeit sich mit dem Abstoßenden verbündet, ist eine Kunst an ihr Ende gekommen. Der stille Aufschrei, der einsetzt mit dem Betrachten des Hässlichen, ersetzt das leise Staunen; im unbedingten Kampf der Ästhetik gegen das Gefällige geht unter, was jenseits bloßer Aufmerksamkeit immer Ziel von Gestaltung ist: dass sie gefällt. Sich von ihr abzuwenden, entspricht dann aufs Genaueste der Einfallslosigkeit, die keinen anderen Ausdruck mehr gefunden hat als das Unansehnliche.

Die eine große Liebe

Man unterschätze nicht die Zahl jener Beziehungen, die nur ein lebenskluges Zugeständnis sind an die unerfüllte Sehnsucht nach der einen großen Liebe. Jede neue Verbindung dient kaum mehr als der Bestätigung, dass es wieder nicht gereicht hat für den perfekten emotionalen Entwurf. Sie hält genau so lang, wie ihre Leidenschaft das Leiden schafft, das der Vergeblichkeit einer absoluten Innigkeit nachtrauert, und sich paradox an sich selbst ergötzt.

Anstand

Der Ersatz der Politik durch Moral ist immer ein Indiz dafür, dass ihr die Macht verloren gegangen ist.

Advent, Advent

Vorweihnachtszeit: die Städte sind nachts schöner als zu den hellen Stunden. Das Schmucklicht überstrahlt die Funktionslampen. Es gibt eine Ahnung davon, wie einladend eine Welt sein könnte, die es sich leistet, nicht Zweck und Brauchbarkeit ins Zentrum ihrer Entscheidungen zu stellen, sondern den Sinn des Überflüssigen. Die lukanische Formel für dieses Lebensgefühl, das dem Nötigen nicht zuerst die Aufmerksamkeit schenkt, heißt: als die Zeit erfüllt war. Nichts ist weniger zwingend.

Verspielt

Der Doppelsinn des Worts „verspielt“ zeigt auf, dass es in jedem Spiel das eine Ziel gibt, das als dessen wichtigster Moment alles kunstvolle Streben auf sich vereint und zugleich den Punkt markiert, an dem es sich selber verlässt und vom Ernst der Wirklichkeit wieder eingeholt wird. L’art pour l’art zu agieren, bedeutet, die Zweckfreiheit einer Sache zur Zwecklosigkeit zu verfremden; es ist systemischer Narzissmus, der Rausch, der nichts intendiert als die Selbstbeglückung, die den Effekt sucht und dabei die Effektivität versäumt. Umso brutaler wird der Übergang in die Realität erfahren, die dem Spiel, das sein Ziel nicht gefunden hat, dennoch ein Ende bereitet, stets pünktlich zur Unzeit. Niemand hat ein Spiel so verspielt wie der, der in ihm seine Verspieltheit nicht für den Augenblick des Spielziels ablegen kann.

Öffentlicher Diskurs

Das Ideal des Denkens, zu allem etwas zu sagen zu haben, muss gekontert sein vom Ideal des Redens, nur nicht alles kommentieren zu wollen.

Mittel und Zweck

Kein Zweck rechtfertigt schlechte Mittel, mag er noch so gut sein; aber gelegentlich lassen gute Mittel die schlechten Zwecke, für die sie eingesetzt sind, vergessen.

Wo bleibt die Revolution?

Die Revolution bleibt aus, so lang allzu viele Menschen die Vergangenheit verklären und sich um nichts als die eigene Gegenwart scheren, indem sie sich gegen die Zukunft wehren. Aber auch das Umgekehrte – die Zukunft beschwören, die Gegenwart zerstören und die Vergangenheit überhören – ist kein Treibstoff für eine Revolution. Eine Gesellschaft ist bereit für den radikalen Umbruch, wenn sie aus ihrem Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts zieht als Gleichgültigkeit.

Dein Tag, mein Tag

Der Tag: in Kürze

„Guten Morgen, Schatz.“
„Guten Morgen.“
„Wie hast du geschlafen?“
„Es geht.“
„Warum schläfst du nicht gut?“
„… Ich muss jetzt gehen. …“

„Hallo Schatz.“
„Hi.“
„Und? Wie war’s?“
„Was?“
„Na, dein Tag.“
„Es war nicht mein Tag heute.“
„Ach so, ’tschuldige, dann frag ich morgen noch einmal.“

Vergiss das

Die größte Fähigkeit, um ein endgültiges Scheitern zu vermeiden, ist ein Untalent: Man darf sich an diesen Aspekt im Ernst der Lage nicht erinnern. Sonst verkrampfte alles, und am Ende stünde, was zu vermeiden ist. Es gibt hier nur eine Chance, das Vergessen zu „erlernen“. Man muss sich von der Situation faszinieren lassen.

Haben Sie noch einen Augenblick Geduld, Sie werden gleich weiterverbunden

Die telefonische Warteschleife ist die Wiederholung des Verkehrsstaus als Zeitphänomen. Doch welches Navigationssystem warnt vor der ungeheuren Verschwendung von Lebenszeit, die nur ein Ziel hat: den Kunden so lang zu zermürben, bis er entnervt aufgibt oder seine Frage vergessen hat vor lauter Dankbarkeit, endlich an der Reihe zu sein. Das Kundenmanagement ist oft das Problem, für dessen Lösung es sich ausgibt.

Das ist halt so

In einer Zeit dekonstruierter Inhalte halten wir uns fest an den Formen. Nicht nur Verwaltungen, auch Unternehmen geraten ins Schleudern, wenn die lange eingespielten Prozesse in Zweifel gezogen werden. Wer fragt, warum es sie gibt und wem sie dienen, erntet mindestens ungläubiges Staunen. Viel öfter aber wird er beschieden, sich an sie zu halten, als hätte irgendein absolutistischer Fürst einen Erlass verordnet, dem blind zu gehorchen ist. Da haben sich Vorbehalte zu erübrigen. Der Dogmatismus ist keine Eigenschaft mehr von Ideen, sondern von Institutionen.

Nicht noch einmal, bitte

Die Erinnerung an strukturähnliche Ereignisse fördert die Vorstellung, dass Geschichte sich wiederhole. Aus ihr ziehen Mythen, auch moderne, ihre Nahrung. So können frühere Siege Kraft schenken und künftige Erfolge beeinflussen – denn das, was sicher kein Erfahrungswissen ist, aber eine starke Erzählung, „lehrt“, die Unsicherheit und mit ihr den Gegner zu überwinden. Lange Zeit hieß es, Deutschland, gemeint war das Fußballteam, sei eine Turniermannschaft. Doch zwei große Wettbewerbe in den vergangenen vier Jahren reichten, um aus dieser Idee einen überlebten Gedanken werden zu lassen. Die jüngste Niederlage enthält schon alle Elemente der nächsten, die ein Scheitern bedeutete. Es wäre eine „Wiederholung“, an die jetzt schon, mythisch vorauseilend, appelliert wird, sich mit aller Macht gegen ein fatales Ergebnis aufzulehnen, um dessen Tragik, also die schicksalhafte Vergeblichkeit der Gegenwehr, nicht wahr werden zu lassen. Dabei ist selbst der Kampf gegen Versagensängste schon unmittelbar der genaue, wiederholte Ausdruck eines prägenden Nationalgefühls: dem endgültigen Verlust von Besitzständen.

Diversity

Zwischen Menschen ist auf lebendigste Weise so viel wahr, dass die Sprache ihrer Armut überführt wird und erst gar nicht versuchen sollte, für jede Form von Beziehung, für jedes Selbstverständnis, für jede soziale oder seelische Konstruktion das passende Wort zu finden. Sie müsste sonst zurückkehren zu den Anfängen, wo noch Gebrabbel und Lautmalerei, ja das hapax legomenon,  das nur einmal Gesagte den Willen dokumentieren, der Welt überlegen und überlegt zu entsprechen. Und dabei zu entdecken, dass es unmöglich ist, sich der Verlegenheit zu entwinden, entweder nichts zu sagen, wenn alles absolut genau gesagt sein soll, oder über die Allgemeinheit von Begriffen die Voraussetzungen für Verstehen so zu schaffen, dass dem Individuellen jedesmal Ungerechtigkeit widerfährt.