Macht ist immer dann zynisch, wenn sie sich über die Ohnmacht derer zeigt, die sie beherrscht. Sie hat eine Zukunft, wo sie jene ermächtigt, denen sie dient.
Alle (vier) Jahre wieder
Unter den vielen Irritationen und dem starken Befremden, das diese Weltmeisterschaft auslöst, gehört die kalendarische zu den kleinen. Und doch weiß jeder, dessen Zeitrhythmus einmal jäh unterbrochen wurde, wie tief sich die Konfusion eines solchen unterschwelligen Gleichmaßes ausdehnt in fast alle Lebenskreise. Schon Nachmittagsspiele gefährden mehr als nur die durch zwei Stunden unterbrochene Arbeitsintensität, wie viel erst die Kollision von Adventstee und Achtelfinale, betrieblicher Weihnachtsfeier und Fanfest, lichthupendem Autokorso und Kerzenschimmer, Katerstimmung und Vorfreude. Wir werden es noch spüren. Der in diesem Jahr gestorbene spanische Schriftsteller Javier Marías schreibt: „Wir Fußballbegeisterten verfügen über eine zusätzliche Maßeinheit für die Zeit, über die wohl kein anderer Mensch verfügt: die alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften.“ Und er beendet den kleinen Text über „die rasenden Ewigkeiten“ mit einer Beschwörung, die ihn nicht mehr berührt: „Denn so alt wie ich jetzt bin, wäre es völlig unerträglich, wenn die Weltmeisterschaft so eintönig und unbemerkt vorüberginge wie manchmal vier Jahre im Leben eines erwachsenen Menschen.“*
* Alle unsere frühen Schlachten, 93.96
Übersäuerung
Zu viel Moral, schon gar als Instrument des Willens zur Erwachsenenpädagogik, macht die Welt nicht anständiger, sondern verlogener.
Schwarz-Weiß wie Schnee
Der erste, morgenfrische Schnee, der sich sanft aufs Land legt, lässt die Welt in einer Unschuld erscheinen, die sie sich nie verdienen kann.
In der Sackgasse
Wer in komplexen Situationen schnell eine Lösung gefunden hat, wird nicht gerühmt ob seiner Kompetenz, sondern steht im Verdacht, das Problem nicht ganz verstanden zu haben.
Liebe Grüße
Die Formel LG unter einer Nachricht, die als knappe Geste jenen dient, denen das „Liebe Grüße“ zu langatmig und umständlich erscheint, vielleicht sogar als zu intim, nimmt sich selbst durch die Kürze den Nuancenreichtum, den die Sprache für An- und Abreden vorhält. Zwischen den nüchternen freundlichen und den persönlichen herzlichen Grüßen bleibt eine Menge Raum für Halbtöne der Sympathie oder Andeutungen von Ablehnung. Mit „lieben“ Grüßen, die alles steigern, ist ja nicht die Qualität der Ausdrucksform gemeint, als ob die Grüße selber lieb seien, wie der knurrende Dobermann ermahnt wird – „sei lieb!“, sondern die Bestimmtheit einer Beziehung beschrieben, die sich im schließenden Zeichen noch einmal summarisch zur Anschauung gibt. Der Abfall solcher Intention hin zur Bedeutungslosigkeit eines „herzlichst“ oder LG ist immens. Wo hier Liebeserklärungen diskret versteckt werden konnten, die nur zu finden waren von jenen, die lesen können, bleibt dort nichts als eine leere Hülse, die so nett klingt wie das Wort „nett“. Das einfache „Grüße“ zum Ende einer Nachricht nimmt da auf ehrliche Art wenigstens die Verlegenheit ernst und modelt sie nicht um in Verlogenheit.
Ich bin entzückt
Es tut den Anfängen einer Liebe gut, wenn sie von der Begeisterung begleitet ist, und es erhöht die Wahrscheinlichkeit der Liebesdauer, wenn sie sich aus der Umklammerung durchs Entzücken sanft löst.
Verstopfte Ohren
Nicht wenige derer, die sich von Musik faszinieren lassen, wissen zwar nicht präzise, was sie hören, aber sie könnten genau sagen, was sie nicht hören wollen, wenn sie die Kopfhörer aufziehen: die Welt, die sie umgibt. Schon in der mythischen Vorstellung von den Sirenen, denen Odysseus nur entgeht, indem er sich selber an den Mast seines Schiffs fesselt, ist der Wille zur Ablenkung (von der Heimkehr) vorgezeichnet, aber noch als Gegenbild zum geraden Pfad der Tugend und Wahrheit. In einer Zeit, in der das Ideal der Direktheit aufgehoben ist im ökonomischen Prinzip der Effizienz, dient der zeitgenössische Gesang in der Ohrmuschel noise cancelling diesem letzten Kriterium auf dialektische Weise. Er lenkt ab von der Ablenkung und gewährt so eine Konzentration, die im Lärm eines Zugabteils, einer Flugzeugkabine, auf der Straße sonst kaum möglich wäre.
Nichts anderes
Es gehört notwendig zur Freiheit, auch anderes tun zu können als das, was man tut, um es so tun zu können, dass niemand mehr glaubt, es ließe sich auch noch anders tun.
Lust
Die Lust neigt dazu, ihre wichtigste Voraussetzung zu ignorieren: dass sie das, was sie begehrt, nicht einfach haben kann. Im tiefsten ist sie die emotionale Variante des Respekts, der eine Person schätzt in dem Maße, wie er sie schützt. Mehr als ein Talent der Nähe zu sein, bedeutet, Lust zu haben, die Distanz zu kultivieren.
Das gute Beispiel
Das gute Beispiel, das dem vorpreschenden Handeln sprichwörtlich geworden ist und mit dem Menschen den Anspruch erheben, andere sollten folgen, ist weniger der Nachahmung empfohlen, als dass es mit Nachdruck den Ernst der Lage dokumentiert. Vorbildlich ist nicht unbedingt die Sache, sondern deren Seriosität. Man kann eine Krise herbeireden, aber sich aus ihr herausreden geht nicht. Der Ausweg gelingt immer nur über Entschiedenheit, einer Qualität des Handelns.
Fürsorgepflicht
Die schlechte Gewohnheit, unter Zumutung nur noch das zu verstehen, das es abzumildern gilt durch staatliche Zuwendungen oder gutes Zureden, verkennt die implizite Offerte solcher Ansprüche: an ihnen zu wachsen. Sie verschiebt die Grenze des Unzumutbaren in ein Feld, in dem die Unterscheidung zwischen Egoismus, Egozentrik, Egomanie noch diffus ist, so dass nicht scharf ausgebildet wird, was selbstbewusst Ichstärke heißen kann. Je schneller eine Sache als unannehmbar empfunden wird, desto geringer die Gelegenheit, sich selbst in ihr zu erproben, und desto größer die Neigung, von ihr sich narzisstisch gekränkt zu sehen. Fürsorgepflicht ließe sich auch als Pflicht übersetzen, für die Entwicklung zur Souveränität zu sorgen.
Zeitvertreib, Zeitvertrieb
„Und womit vertreibst du dir so deine Zeit?“
„Ich vertreibe meine Zeit.“
„Das verstehe ich jetzt nicht; ich meine: womit du dir deine Zeit vertreibst. Also: Was machst du so?“
„Das sagte ich doch: Ich vertreibe meine Zeit. Ich habe einen Zeitvertrieb. Entweder verschenke ich meine Zeit, oder ich verkaufe sie. Verstehst du?“
„Nicht ganz.“
„Na ja, deswegen kann ich mir meine Zeit auch nicht vertreiben. Mein Zeitvertrieb läuft dafür zu gut.“
Brückenschlag
Eine der wichtigsten Talente in komplexen Gesellschaften ist die Fähigkeit, Unterschiede erkennen, benennen und aushalten zu können. Das geht nur, wenn jener Verständigungshorizont nicht in Zweifel gezogen wird, auf den sich Differentes und die Differenzen gleichermaßen beziehen können, um als solche sich vor ihm und untereinander scharf abzuzeichnen. Es muss ein Drittes geben (und seien es die Gesetze der Vernunft, das Menschliche, lebensweltliche Selbstverständlichkeiten, Gott), wenn zwei nicht dazu tendieren sollen, unbedingt eins zu werden, oder einzig.
Zusammenhalt
Demokratisch organisierte Gesellschaften werden zusammengehalten von der Überzeugung, dass nichts stärker bindet als die allgemeine Anerkennung individueller Unterschiede. Sie repräsentieren politisch, was philosophisch Dialektik heißt: die Identität von Identität und Nicht-Identität.
Immer was Neues
Es ist das Talent, schöpferisch zu sein und sich wieder und wieder mit der Erfindung von sinnvoll Neuem zu überraschen, die den Menschen in eine Lebensdynamik zieht, von der er sonst überfordert wäre: die dauerhafte Selbststeigerung. Wirtschaftswachstum als eine verlässliche Größe ist nur der Indikator der Innovationskraft einer Gesellschaft. Wer gegen das Mehr polemisiert, versteht nicht, dass es ein Strukturgesetz des Menschlichen repräsentiert, mit dem Faktischen keinen Frieden schließen zu können, weil jedes Futur im Fortkommen begründet ist. Bescheidenheit als Primärtugend ist immer eine falsche.
Die Verkleinerung des Gartens
Merkwürdige Beobachtung: Immer, wenn die Blätter gefallen sind, wirkt der Garten plötzlich kleiner. Was ist geschehen? Das nackte Geäst der Baumkrone, die dürren Stauden lassen die Übergänge härter erscheinen. Die Grenzen zwischen den Figuren verschwimmen nicht im saftigen Grün, sondern sind schärfer zu sehen: Kirschbaum und Rosenhecke vereinzeln, die Zweige des Flieders zeichnen sich genau ab vorm Eibendunkelgrün am Grundstücksrand. Und der markiert unversehens klar, dass dahinter das Eigene aufhört.
Gleiches Recht
Rechtsstaat heißt der Staat nicht, weil er mit Hilfe des Gesetzes zur Ordnung rufen kann, sondern weil er den Bürger so vor der durchgesetzten Souveränität des Gemeinwesens im Einzelfall schützt. Das Gewaltmonopol, das nach Artikel 20 der Verfassung vom Volk ausgeht, schließt die Verpflichtung ein, sich einer gemeinsamen Instanz zu unterstellen, die überhaupt erst die Abgabe von Macht und Zwang an eine höhere Organisation erlaubt hatte. Freiheitliche Formen der Vergesellschaftung bilden sich in dem Augenblick, da Individuum wie Institution anerkennen, dass sie nicht als letzte Instanz friedlich fungieren können.
Für den Ingenieur
Inkonsequent ist die Ingenieurskunst, wenn sie die Lebenszeit, die sie durch die Vereinfachung der Technik schenkt, durch die Verkomplizierung der Gebrauchsanleitungen wieder nimmt.
Das ist das Allerletzte
Wer glaubt, absolut im Recht zu sein, meint zugleich, sich jedes Unrecht erlauben zu können. Die letzte Chance, der letzte Platz, das letzte Mal – solche Vorstellungen vom Ultimativen hebeln das Grundgesetz der Hemmung aus: dass mit dem Handeln die Frage aufkommt, was man danach tut. Was schon im Namen „Letzte Generation“ widersprüchlich dramatisiert, wogegen die Gruppe kämpft: dass nach ihr die Sintflut komme (sie will ja gerade vermeiden, letzte Generation zu sein), spiegelt sich wieder im stillschweigenden Zynismus ihres Aktivismus. So nimmt sie für sich jene Haltung in Anspruch, die sie bei ihren Gegnern anprangert: dass sie sich nicht um die Folgen und Nebenfolgen ihrer Aktionen schert.
Verteidigung der Vielfalt
Die Verteidigung der Vielfalt hat immer ein Problem: sich zu einer einzigen Stimme zu organisieren, ohne die Pluralität der Perspektiven aufzugeben.
Heiligenbilder
Das Zwischenreich der Heiligen, die als bessere Ausgabe des Menschen geadelt in die Rolle des Fürsprechers gedrängt sind, der bei der himmlischen Obrigkeit ein gutes Wort einlegt für den verblendeten oder schwachen Sünder, ist konstruiert aus befremdlichen Elementen einer Angsthierarchie, die allenfalls noch in schlecht geführten Unternehmen vorkommt: ein zorniger Chef, der vom netten Bereichsleiter besänftigt werden muss, weil der Lehrling mal wieder Mist gebaut hat. Das sind nicht die Vorstellungen, durch die eine Religion in der Moderne bestehen kann. Nicht über die Anrufung, Fürbitte zu leisten, sondern als Vorbilder der Souveränität, als stellvertretend Leidende, als unbedingt liebende Menschen, denen es im Letzten nie um sich ging, verdienen sie Anerkennung. Die oft peinliche Verehrungsfolklore aus Aberglaube, Voodoozauber oder Devotionalien bildet einen trüben Bodensatz aus Irrationalität, die zwar jede Religion lebendig hält, welche aber in einer Welt keine Zukunft hat, die darum ringt, ihr eigenes Potenzial an Unvernunft nicht ständig zum Widervernünftigen hin unterbieten zu müssen, sondern sich aufrichten ließe von dem, was mehr als vernünftig genannt zu werden verdiente.
Anspruch und Zuspruch
In seinen Thesen zum vorherrschenden Zustand der Kirche vom 31. Oktober 1517 legte Luther den reformatorischen Fokus auf das Predigtwort, das den Hörer so anzusprechen habe, dass dieser von ihm ergriffen sein Leben ändert. (Thesen 35, 54, 92 – 95) Zu predigen, das sei das „höchste Amt“* in der Christenheit, eine Verantwortung, an der sich über die Fähigkeit, sinnvoll zu lehren und tröstlich zu ermahnen, alles entscheidet. So manche neureformatorische Idee dieser Tage, die sich in der Tradition der Kirchenrettung wähnt, verkennt hingegen die Radikalität der Sache und verniedlicht sie zu einer Form, die vor allem zeitgemäß und gefällig zu sein habe. Ohne die Zumutung, die im Zuspruch der Gottesrede steckt, verliert aber die Predigt ihren Anspruch, auch wenn sie noch so ansprechend formuliert ist.
* So Luther 1523 in seiner Schrift „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine das Recht oder Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift“, Werke 2, 402: „So es doch das aller hohist ampt ist, …“
Zur Stunde
Die geschenkte Stunde zu Beginn der Normalzeit und die geklaute am Anfang der Sommerzeit lassen sich verstehen als verdichtete Lebensmomente, in denen sich mehr zeigt als nur Zugewinn oder Verlust eines Tagesmaßes. Was haben wir heute gemacht mit der gewonnenen Frist? Was macht sie mit uns? Länger geschlafen; sie vertändelt; erledigt, was liegengeblieben war? Wofür haben wir sie genutzt? Und was genau fehlte uns im nächsten Frühjahr, wenn die Uhren wieder umgestellt werden? Darüber Auskunft zu geben, könnte hinweisen auf eine Vorstellung vom prallen Leben. Was das ist? Wohl nichts, was der Zeit selber als Eigenschaft angehörte. Es gibt zwar erfüllte Stunden, aber das ist eher jene Art des Daseins, die uns vergessen lässt, was es bedeutet, nur begrenzt Zeit zu haben. Michael Theunissen fasst es so: „Je auffälliger Zeit wird, desto sinnleerer wird unser Leben.“*
* Negative Theologie der Zeit, 45