Monat: November 2018

Zwei Sätze zur Rhetorik

Was die meisten an Rhetorik interessiert: wie man besser redet.
Was die Rhetorik am meisten interessiert: worüber man besser schweigt.

Druck

Von vielen, die sich mit Innovation und Erfindertalent, Kreativität und Neuerungslust befassen, wird der Ideenreichtum herausgestellt, die Fähigkeit, höchst unterschiedliche Wissenschaftskontexte oder Technikfelder spannungsreich und frei kombinieren zu können. Das alles erklärt aber nicht, wie das Neue in die Welt kommt. Wie alles Lebendige nämlich: durch Druck. Gäbe es den Zwang nicht zur überraschenden Produktion und deren Routine, müssten wir auf so manches Produkt verzichten, das unsere Routinen zwingend durchbricht.

Der pragmatische Theoretiker

Vom Theoretiker leiht sich der Unternehmer die optimistische Entschlossenheit, mit Ideen eine ganze Welt aus den Angeln zu heben; und vom Pragmatiker borgt er sich die originäre Enttäuschungsfestigkeit, dem Handeln zu trauen, obwohl das mal wieder nicht gelungen ist.

Ränkespiel

Machtspiele sind ein Dauertest auf die Widerstandsfähigkeit der Arglosigkeit im Umgang miteinander.

Die großen Fragen

Nur wegen der allesamt unzureichenden Antworten, die eine zweieinhalbtausend Jahre alte Denkgeschichte gesammelt hat, kann die Enttäuschung über den Mangel an Phantasie und Logik, Klarheit oder Überzeugungskraft doch nicht darin münden, den Horizont unseres Bewusstseins so zu verengen, dass Probleme wie das Ganze, Sein und Nichts, der letzte Grund, Allgemeingeltung und die Wirklichkeit von Freiheit zu sinnlosen Themen erklärt werden können. Die großen Fragen sind immer zu große Fragen und heißen nicht so, weil es um deren Erledigung geht, sondern um eine Erwiderung, für die das Leben einsteht.

Wie oft werden wir noch wach?

Genau in einem Monat ist Weihnachten. Als könnten es die Mitgenossen und Nebenmenschen nicht erwarten, ergeht allenthalben das Signal, sich zu beeilen mit den Wünschen, die Pläne für die Feiertage ausgearbeitet offenzulegen, ein Depot mit Geschenken vorzuhalten, Zeit einzuräumen für all die Verabredungen, die noch unbedingt in diesem Jahr stattfinden müssen, das Haus lichtglänzend herauszuputzen, sich den Ärger aufzusparen für das nächste Jahr und das schönste Lächeln der Vorfreude aufzusetzen. Und jetzt schon nicht enttäuscht zu sein, wenn das alles nicht so gelingt wie erdacht. Dabei ist die Botschaft des Fests so ganz anders und schlicht: dem Lassen einen absoluten Vorrang einzuräumen vor dem Tun. Das mag verstehen, wer einen Gott erwartet, dessen Zugewandtsein so diskret und überwältigend ist, dass sich ihm nichts entgegnen lässt außer stille Dankbarkeit.

Die zweite Aufklärung

Wie jene erste Aufklärung vor mehr als zweihundert Jahren wider die Machtansprüche einer Religion, die Geheimzirkel und Dunkelmänner auftrat im Namen der allgemeinen Menschenvernunft, die menschlich zu nennen ihren Charakter als welterschließendes und weltumspannendes Prinzip ungebührlich schmälerte, so müsste heute eine zweite Aufklärung aufbegehren gegen die Verbohrtheit einer Politik, die sich um die Zukunft derer, für die sie sich verantwortlich zu sein dünkt, in Wahrheit nicht schert. Und sich berufen auf das Politische als Ausdruck eines souveränen Bürgertums, das sich mit dümmlichen Sprüchen und dummen Beschlüssen nicht ins gesellschaftliche Unglück regieren lässt.* Allerdings wird nicht nur zu viel geredet, sondern zu laut, zu grell, zu gestanzt, und nicht nur zu wenig gehandelt, sondern zu einseitig, zu phantasiefrei, zu mutlos.

* Viele der offenkundigen Widersprüche und falschen Vertröstungen der Politik finden sich aufgelistet in Daniel Stelters Buch „Das Märchen vom reichen Land“.

So soll es sein

Der Imperativ ist die ernsteste unter allen Sprachfiguren. Er übernimmt die Verantwortung die eigene Sicht auf die Welt und das Los derer, die ihr aufgefordert folgen.

Zu viel Ende

Die Propheten des Untergangs eint, dass sie alle Krisensymptome präzise auflisten, doch aus der Analyse einer gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Abwärtsbewegung nicht die Aufgabe ableiten können, die Tendenz zum Ende zu beenden. In dem Maße, wie sie durch ihre rekonstruierenden Erklärungen der Vergangenheit die Ungewissheit austreiben, scheuen sie die Unsicherheit jedes Vorschlags, anders zu handeln. Sie können genau sagen, warum eine Sache sich verkehrt entwickelt hat, und vermuten, wie sie sich unter besseren Voraussetzungen hätte gestalten lassen. Ihr grammatikalischer Spielplatz ist der Konjunktiv, nicht der Imperativ.

Tränen gelacht

In jenen höchst seltenen Momenten, in denen das Lachen aus dem Weinen ansatzlos hervorbricht und fließend wieder ins Weinen übergeht, zeigt sich weniger die Unentschiedenheit eines starken Gefühls. Vielmehr erfahren wir, wie nah Tiefen und Untiefen des Lebens einander sind. Ja, dass sich die Verzweiflung über die Verstrickung in die nicht gestaltbaren Bedingungen eigener Existenz jederzeit wandeln kann in die Freiheit, sich von ihnen souverän zu distanzieren. Nicht die Traurigkeit ist lachhaft, aber die Trostlosigkeit lächerlich und eines Menschen im letzten unwürdig.

Entschuldigung, aber ich bin gerade im Gespräch

Es gibt kein menschliches Leben, das nicht das Bedürfnis hat, im Gespräch zu sein. Und im Gespräch zu bleiben. Selbst wenn das zur Folge hat, dass einer nur noch mit sich selber spricht.

Kundengespräch

Der Kunde: Können Sie mir das einbauen?
Der Handwerker: So, wie Sie sich das vorstellen, geht das schon mal gar nicht.
K.: Wann können Sie kommen?
H.: Da muss ich erst mal schauen. Ich melde mich mit einem Termin.
Wochenlanges, vergebliches Warten. Am Telefon
K.: Sie wollten doch noch einmal anrufen?
H.: Mit wem spreche ich?

K.: Und? Wann klappt es?
H.: Sie glauben gar nicht, was bei uns los ist.
K.: Können Sie dennoch ein Angebot schicken?
H.: Da müsste ich vorher noch Weiterlesen

Formvollendeter Inhalt

Aphorismus: Satz, bei dem die Entscheidung nicht lohnt, ob er zu schön ist, um wahr zu sein, oder so schön ist, das er als wahr erscheint.

Geistiges Eigentum

Es gehört zur paradoxen Fragilität geistigen Eigentums, dass dessen Gefährdung zugleich Schutz ist: In der Veröffentlichung legt der Autor sein Inneres, Gedanken, Gefühle, Geschmack, in die Hände eines Publikums, von dem er hofft, dass es den Anstand besitzt, die lose Kopplung zwischen ihm und seiner Äußerung als eine feste Bindung anzuerkennen. Allenfalls über den Stil lässt sich eine namenlose, aber keineswegs anonyme Zuschreibung zum Werk einfordern. Sonst indes gilt: Geistiges Eigentum lässt sich nur halten, indem man es weggibt. Will man es für sich behalten, ist es nichts wert.

Identitätsstiftung

Das traditionsstiftende Gebot im Dekalog. das eine generationenübergreifende Verpflichtung formuliert – „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, daß dir der HERR, dein Gott, gibt“ (Ex 20,12) – , fordert mehr als ein versöhnliches Miteinander derer, die Freud in einen kulturgefährdenden Tiefenkonflikt verstrickt sah. Es wirbt für die Anerkenntnis der Diskretion in einem Verhältnis, das wie nichts sonst die eigene Identität prägt, und somit bedroht. Von denen, die einzig Auskunft geben können über die Anfänge der Nachgeborenen, sollte man nie verlangen, dass sie das ungebührlich tun. Was wüsste man schon über sich, wenn man zu wissen meint, was sich dem Wissen entzieht, hier wie dort.

Moralische Bescheidenheit

Der schönste Zug an einer großen Haltung ist ihre Zurückhaltung.

Kunst, Handwerk

Das zeichnet den Künstler aus vor dem (Kunst-)Handwerker, dass er sich das Recht herausnehmen darf, sein Werk nicht zu interpretieren. Es gibt ein Arbeitsniveau, das kaum verträgt, wenn man es reflektiert, weil sein Erfolg unmittelbar abhängt von der Naivität des Handelns.

Goldener Satz

Was sonst nur an der Rede schillernd sichtbar wird: die Verlegenheit, nicht zu wissen, wem man mehr glauben soll, der Wahrheit einer Einsicht oder der Eitelkeit dessen, der sie vorträgt, das findet sich auch im Aphorismus. So manches Wortspiel hat im Bemühen um eine prägnante Form seinen Inhalt verloren.

In der Rolle des Lebens

Wie schwer es dem Individuum fällt, ein anderes zu sein, wird deutlich, wenn das Leben gelegentlich verlangt, einen radikalen Rollenwechsel vorzunehmen. Der Liebhaber avanciert zum Ehemann, was nur unverbesserliche Romantiker als Fortschreibung, gar Steigerung seiner angestammten Aufgabe ansehen. Dem Schüler bietet der Lehrer nach Ende der Ausbildung die Freundschaft an, was mehr ist als die Öffnung eines ohnehin schon vorgehaltenen Gefühls. Der Kollege wird zum Chef befördert, was die nun Untergeordneten zweifeln lässt, ob er je einer der ihren war. Nicht selten geht mit dem Rollenwechsel eine Veränderung einher, die zur Verblüffung aller weit tiefer reicht als die erhoffte Intensitätszunahme einer ursprünglich gepflegten Beziehung. Jeder Schauspieler weiß, dass man Rollen nicht einfach annimmt, sondern in sie hineinwachsen muss. Ein höchst gewisses Indiz, wann das in Lebensverhältnissen angezeigt ist, mag die Befremdlichkeit sein, die in einer Partnerschaft plötzlich auftritt, weil an der Zeit ist, was noch nicht ausgesprochen und realisiert wurde. Oder die unfreiwillige Komik, die hinter einem langjährigen „Sie“ lauert, das so vertraut ist, dass es fast wie ein „Du“ klingt. Mit der Änderung des Beziehungsstatus geht allerdings oft auch einher, was der Revolutionär der modernen Dichtung, Arthur Rimbaud, mit seiner berühmten Formel „Ich ist ein anderer“* allgemein anzeigte: dass nicht nur Naheliegendes nach neuer Verlässlichkeit sucht, sondern dies nur kann, weil selbst das Nächstliegende wesentlich unzuverlässig ist.

* „Je est un autre.“ – Brief an Paul Demeny vom 15. Mai 1871

Zum Martinstag

Leben: Man kann es versuchen, aber der Rest ist Geschenk.

Halbzeitbilanz einer Präsidentschaft

Die radikale Schamlosigkeit kann das Handeln erst begleiten, wenn einer meint, nichts mehr zu verlieren zu haben, nicht weil er glaubt, mit ihr besonders viel zu gewinnen.

Butterbrot

Der Applaus ist die Butter auf dem Brot des Künstlers*; fürs Brot allein sorgt schon die Anwesenheit des Publikums, gleich ob es klatscht oder buht. Was wäre ein Maler, der keines seiner Bilder verkaufte; was ein Schauspieler, der stets vor leeren Rängen stünde; was ein Konzertpianist, dem niemand zuhörte? Kunst ist ein kommunikativer Akt. Für sich bedeutet sie gar nichts. Sie steht zwischen Produzent und Rezipient.

* Der große Johannes Gross schrieb einst im FAZ-Magazin: „Der Applaus ist das Brot des Künstlers.“

Sorgenfrei

Sorge: Die Angst lernt lieben, bis die Liebe die Angst vertrieben hat.

Machtverteilung

Es gehört zur Demokratie, dass das, was sie lebendig erhält, dasselbe ist, was eine Regierung lähmt: der zwanglose Zwang, dem besseren Argument zu folgen. Wie so vieles – Lust, Bildung, Kultur – gewinnt auch sie in der beabsichtigten Verzögerung ihr höchstes Niveau.