Monat: Juni 2021

Wir

Innerhalb der grammatischen Personen, die die Gesprächsrollen bezeichnen*, unterscheidet die deutsche Sprache schlicht zwischen Singular und Plural: hier die Folge ich / du / er, sie, es; dort die Reihe wir / ihr / sie. Nicht markiert ist die dimensionale Verschiebung, wenn zu Ich und Du nun ein Wir hinzukommt, das mehr darstellt als deren Addition. Das „Wir“ ist eine symbolische Größe, nicht recht fassbar, kaum anschaulich. Jeder, der in einem paarweisen Lebensverhältnis sein Glück gesucht hat, wird dieser Form eigenen Rechts gewahr, wenn er in die Verlegenheit gerät, auf dessen bemerkten Verlust reagieren zu sollen durch „Arbeit“ an der Beziehung. Das „Wir“ will eigens gepflegt sein, weil es sich nicht von selbst ergibt durch den Zusammenschluss von Ich und Du. Die Aufzählung der Mehrheitsrollen im deutschen Sprachregelwerk bildet nicht den Qualitätssprung ab, der mit der quantitativen Erweiterung von der Einzahl in die Vielzahl einhergeht.

* Harald Weinrich, Textgrammatik der deutschen Sprache, 94ff.

Weinkunde

Viele wählen den Wein nach der Jahreszeit, an lauen Sommerabenden den weißen, zum Kaminfeuer im Winter den roten. Oder sie fragen nach der Speisenfolge, der sie die Traubenfarbe anpassen. Dabei eignet sich der Unterschied zwischen einem fruchtigen Weißburgunder und einem Merlot in dunklem Rubin bestens, um die Gesprächserwartungen des Tischgastes diskret zu erraten: zum leichten Wein gehört der Wortwitz, den schweren begleitet die Lust am Tiefsinn.

Rückschau

Man kann sich von einer Sache oder einem Menschen nicht entfernen, ohne sich gelegentlich umzudrehen, um festzustellen, wie weit man gekommen ist und ob der Abstand inzwischen das Maß erreicht, das mit Ferne zutreffend beschrieben ist. Das gilt auch im Verhältnis zu sich selbst und zur eigenen Vergangenheit. Was man hinter sich lassen will, muss man in den Blick nehmen.

Schöner scheitern

Überheblichkeit ist jene Form der Verzweiflung, die mit dem Scheitern an der Welt noch keine Bekanntschaft gemacht hat.

Gespaltene Gesellschaft

Die Gesellschaft ist nur für den gespalten, der noch eine Vorstellung von ihrer Einheit besitzt.

Korrekt

Korrektheit kann kein moralisches Kriterium sein. Andernfalls müssten allgemeine Inhalte, und nicht allgemeine Formen, als verbindliche Handlungsprinzipien taugen, so dass ein messbarer Abstand zu ihnen den Grad der Anständigkeit genau zu ermitteln erlaubte. Nicht ohne Grund hat der schärfste Denker der praktischen Vernunft, Immanuel Kant, jenseits aller ausgeschriebenen Normen vor allem eines für jede Tugendlehre zum Qualitätsmaßstab erklärt: die Fähigkeit, über die Abstraktheit eines Imperativs zu sehr anschaulichen, wirksamen und lebensnahen, nicht zuletzt frei gewählten Unterscheidungen des eigenen Tuns zu finden. Korrektheit ist ein Mittel, aus einem sachlichen Gefälle eine persönliche Überlegenheit abzuleiten: die zwischen Selbstüberschätzung und Erniedrigung.

Vom Vorrecht des Handelns gegenüber der Haltung

Es gäbe viel weniger Verzweifelte auf der Welt, wenn der Glaube an die Veränderung größer wäre. Eine Resignation, der nicht wenigstens der Versuch einer Revolution vorausgegangen ist, hat ihr eigenes Niveau verfehlt. Lebensfreude ist jene Haltung, die sich der Freiheit verdankt, handeln zu können.

Die Hand reichen

Knapp anderthalb Jahre Abstinenz vom Händedruck zur Begrüßung oder zum Abschied haben offenkundig die Empfindsamkeit so stark anwachsen lassen, dass Berührungen von Innenflächen fast schon – je nach Art der Begegnung – als über„griffig“ oder allzu intim wahrgenommen werden. Da muss sich erst wieder einspielen, was ehedem selbstverständlicher Grußgestus gewesen ist. Auch wenn die Hand zumeist in ihrer Funktion als erstes Werkzeug in der Kulturgeschichte behandelt ist, hat schon Aristoteles gewusst, „dass die Seele der Hand analog ist“*.

* De anima, 3, 8, 432

Bürgerstaat

Eine Lesefrucht, die reif geworden ist:
„Eine Regierung kann nicht genug Wert auf eine Tätigkeit legen, die individuelle Bemühung und Entwicklung nicht behindert, sondern ihr hilft und sie anspornt. Das Übel beginnt erst, wenn sie, statt die Tatkraft und Fähigkeit der Einzelnen und der Körperschaften anzustacheln, ihre eigene Tätigkeit dafür einsetzt, wenn sie, statt zu belehren, zu raten und gelegentlich zu tadeln, jene in Fesseln arbeiten lässt oder sie beiseite schiebt und die Arbeit selbst macht. Der Wert eines Staates ist auf lange Sicht der Wert der Individuen, die ihn bilden. Und ein Staat, der die Interessen der geistigen Entwicklung dieser Individuen vernachlässigt zugunsten einer etwas besser funktionierenden Verwaltung oder jenes Anscheins davon, die die Praxis im jeweiligen Detail liefert, ein Staat, der seine Menschen verkümmern lässt, um an ihnen – selbst für nützliche Zwecke – gefügige Werkzeuge zu besitzen, wird merken, dass mit kleinen Menschen wahrlich keine großen Dinge vollbracht werden können.“*

* John Stuart Mill, Über die Freiheit, V, 325

Sicherheitsabstand

Beim Besuch in der City: Die Empfehlung einer Distanz von mindestens anderthalb Metern zum nächsten Nebenmenschen, die während der Zeit erhöhter Ansteckungsgefahr das Regelmaß der Sicherheit im öffentlichen Raum darstellte, scheint eine gut gewählte Größe zu sein. Sie entspricht, ungeachtet der Gefährdung durch den Aerosolwolkenzug, dem Bedürfnis nach Eigenheit, nach Eigensinn, Eigenwelt, Eigendynamik, Eigennutz. Und macht unmittelbar anschaulich, was Individualität in einer Gesellschaft meint, die auf die Differenz ihrer Identitäten verstärkt pocht.

Sich selbst vertrauen

Gleich zwei Hauptwurzeln sind es, aus denen das Selbstvertrauen erwächst. Nur wenn dem Lob durch andere die Einsicht sich zugesellt, sich seiner würdig zu finden, also zur Anerkennung die Anerkennung der Anerkennung kommt, kann jene Gewissheit über das Eigene gedeihen, die es gegenüber späteren Verführungen, die mit allen Formen der Beachtung einhergehen, stark macht.

Reinschrift

Dass man sich beim Schreiben noch die Finger schmutzig macht, diese Vorstellung, sofern sie nicht im übertragenen Sinn gelesen werden will, stammt aus einer Zeit, in der die Worte mit Tinte aufs Papier gebracht wurden, nachdem sie zuvor gewählt worden waren. Aus ihr hat sich ein Stilideal gerettet, das die Abgewogenheit in der Sache sprachbildnerisch knüpft an die Anstrengung, zwar in das Thema tief einzudringen, sich aber von ihm nicht kontaminieren zu lassen: Man müsse so formulieren, dass der Feinsinn gewahrt und der Gegenstand, über den zu handeln ist, nur im Unendlichen berührt wird, wobei die eigene Position und die Zielrichtung dennoch jederzeit erkennbar bleibt. Wie anders wäre diese Schreibkunst zu nennen als – tangential.

Ganz persönlich

Es gibt viel weniger Personen, die so faszinierend sind, dass sie die Sache vergessen lassen, für die sie einstehen, als es Sachen gibt, die so unklar sind, dass man wenigstens hofft, die Sympathie für eine Person könne ein gutes Wahlkriterium sein. Der Erfolg einer Person ist nicht dasselbe wie ein persönlicher Erfolg, auch wenn keine sachlichen Gründe erkennbar sind.

Kinkerlitzchen

Fakten, nicht nur biographische, geraten rasch zu vernachlässigten Nichtigkeiten, wenn sie die große Erzählung stören. Dabei zeigt sich die Größe eines Entwurfs in seiner Belastbarkeit, die stets ein Test der Details darstellt. Nicht Allerweltsversprechen, nicht inhaltsleere Ermutigungen wie das im Dauertakt durchs Möbelkaufhaus schallende „Gemeinsam schaffen wir das!“ oder das aktuelle Motto des Fußballbunds „Gemeinsam mit Euch ans Ziel“ oder der plakative Wahlspruch in Sachsen-Anhalt „Gemeinsam für unsere Heimat“ bilden den Stoff zum Aufbruch. Sondern immer eine anschauliche Perspektive, in der sich strategisches Denken und taktisches Verhalten ausrichten an dem, „was der Fall ist“*, an den Tatsachen, deren vorgestellte Gesamtheit nicht ohne Grund „Welt“ genannt zu werden verdient. Größe ist nie abstrakt; die abstrakte Variante des scheinbar Großen aber ist Aufgeblähtheit.

* Vgl. Satz 1 aus Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus

Wenn Politiker posen

Wer sein Reden und Handeln gewöhnlich ausrichtet am Effekt, den es erzielen soll, muss sich nicht wundern, dass im selben Maß, wie er die Wirksamkeit sucht, sein Sinn für die Wirklichkeit schwindet. Der Realitätsverlust ist die größte Bedrohung der Rhetorik.

Dienstleister

Allen Berufen, die das Wohl des anderen ins Zentrum der eigenen Leistung stellen: Der Dienst hat seine Grenzen, die nicht erst durch die Zufriedenheit des Klienten bestimmt sind.

Zu viel des Gutgemeinten

Nirgendwo ist das Angebot geringer als in Programmen, die damit werben, dass für jeden etwas dabei sei.

Nichts sagen

Die gelegentliche Faszination für das Schweigen inmitten einer Zeit, in der vor allem der Lautstärkeregler des Redens voll aufgedreht zu sein scheint, hat nichts Mystisches. Sondern erinnert schlicht an die Frage, warum von der Freiheit, nichts zu sagen, wenn es nichts zu sagen gibt, so wenig Gebrauch gemacht wird. Das Schweigen gehört zu jener negativen Außenseite der Sprache, über die wir so wenig wissen, dass sinnvoll allenfalls deren Funktion angegeben werden kann: dem Wort einen Ursprungsort zuzuweisen, der die Entscheidung zulässt, es auch nicht auszusprechen.

Süßer die Töne nie klingen

Nicht vermisst, aber vergnügt wiederentdeckt: das zuckersüße Gesicht, das im Fluss der Melodie präzise gewiegt in Konzerten vornehmlich dem entfernten Stuhlnachbarn musikalische Kennerschaft vermitteln soll, aber den Ausdruck mimt, als schmelze einer ergriffen und selbstvergessen in der Klangwolke dahin. Da fallen Außendarstellung und Insichgekehrtsein unterschiedslos zusammen.