Kategorie: Die tägliche Notiz

Zweckentfremdung

Die einflussreichste und wichtigste der Formeln des kategorischen Imperativs lautet: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“* Sie hat maßgeblich das Menschenbild bestimmt, das der Verfassung zugrundeliegt und sich in der Vorstellung einer unantastbaren Würde niederschlägt. Mit ihr kennzeichnet Kant das Wesen der Instrumentalisierung, der vor der Person, nicht nur des anderen, im Letzten Halt zu gebieten ist. Menschen, die das nicht verstehen, zerstören die Grundbedingungen von Gesellschaft. Denn es ist der Gedanke der Nützlichkeit und Brauchbarkeit, der auf ein Gegenüber angewandt, über kurz oder lang vereinsamen lässt.

* Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA 66

Das Glück im Gespräch

Der Meister in der Kommunikation erweist sich in jenem Augenblick, in dem ihm gelingt, vom Unausgesprochenen so lange mit seinen Worten abzulenken, dass es nicht mehr gesagt werden muss, um gleichwohl verstanden zu sein.

Ich erinnere mich nicht

Man kann sich nur erinnern an das, was man vergessen hat. Die Gedächtnislücke indes wird größer in dem Maße, wie einem etwas entfällt. Das ist nicht dasselbe.

Versprochen, gebrochen

In der Phantasie wie in den Versprechungen entwickelt der Mensch ein starkes Gefühl für seine Grenzenlosigkeit. Schwierig wird es, wenn die Illusion sich mit einer Zusage verwechselt.

Schluss mit der Gewalt

Es ist eine gewaltige Illusion, der Gewalt per Befehl beikommen zu können. Sie hört nicht auf, indem man ihr Ende anordnet oder sie vernichtet. Da müsste man schon die ganze Welt zerstören. Das hat mit dem Schreckensungleichgewicht zu tun, das in jedem ihrer Momente sich auftut; ihre Unversöhnlichkeit erwächst aus dem unmittelbaren Erleben von Grausamkeit und Aussichtlosigkeit. Je größer die Gewalt, desto größer nicht nur das Unrecht, sondern auch die Ungerechtigkeit. Der einzige Ausweg nimmt das Maß dieser ihrer Ungeheuerlichkeit auf, indem er ihr Unvorstellbares entgegensetzt: Vergebung und Trost – Ohnmacht statt Herrschaft, Hilflosigkeit statt Strategien, Risiko statt Sicherheit. Es ist das größte aller Wagnisse. Undenkbar.

Kluger Rat

Niemals sollte ein Ratschlag so gegeben sein, dass er dem anderen den Irrtum erspart. Das kann ohnehin dauerhaft nicht gelingen, da das vermiedene Missverständnis immer auch ins nächste führt. Fehleinschätzungen zu hindern heißt am Ende, Erfahrungen zu verweigern. Klug zu beraten aber meint, diese zu interpretieren. Um es in eine große Frage zu wenden: Kann man aus der Geschichte lernen? Vielleicht weniger, wie man deren viele Versehen umgeht. Die Geschichte lehrt eher, dass wir geschickt darin geworden sind, ihre Katastrophen zu wiederholen. Was das bedeutet?

Das absolut Böse

Aus der Freitagslektüre eines Klassikers über „Elemente des Antisemitismus“:

„Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt. So sind sie in der Tat das auserwählte Volk.“*

* Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, 177

Dröhnendes Drohen

In der Grammatik täuscht der Plural gelegentlich über seine Leistung: Es gibt Wörter, bei denen die Steigerung der Anzahl einen Verlust von Eigenschaften darstellt. Ängste sind immer weniger bedrohlich als Angst. Nicht dazuzugehören, ausgestoßen zu sein, ist vielleicht nicht die größte unter den Ängsten, aber gewiss die, vor der wir am meisten Angst haben. Nur weil wir genau wissen, was dies bedeutet: Angst zu haben, sind wir auch Meister darin, Angst zu machen.

Das gefährliche Schöne

Alles Schöne gefährdet das Realitätsprinzip. Blendend macht es blind. Das ist der Sinn des Satzes, etwas sei zu schön, um wahr zu sein.

Endgültig entschieden

Die im Mythos vorgestellte letzte Trennung zwischen Himmel und Hölle spiegelt den Wunsch seines Erfinders wieder, es möge eine Welt geben, in der die Unbußfertigen die friedlich Gesinnten einmal nicht stören in deren Anstrengung, Gemeinschaft gelingen zu lassen. Vielleicht gut, dass sie es bisher nie unversucht gelassen haben und immer wieder auf Attacke aus waren. Es wäre doch anders die Enttäuschung umso größer über die Erfahrung, wie viel Konfliktpotential in einer Gesellschaft der Wohlmeinenden steckt. Und über den Verlust der letzten Hoffnung, es könnte je anders sein.

Grenzen der Gewalt

Gewalt lässt sich nur einhegen, wenn es einen Ordnungsrahmen gibt, der von vielen – im Idealfall: von allen – anerkannt wird. Das setzt voraus, dass der eigene Schmerz und die eigenen Gelüste weniger wichtig genommen werden als das Leid der anderen und die fremde Lust. Auch schwelende Konflikte, das gehört zum Verständnishorizont der Metapher, brennen schon, wenn auch nicht lichterloh, sondern unterschwellig. In dieser Phase ist letztmals möglich, sie durch Verhandlungen gewaltfrei, vielleicht auch nur gewaltarm, zu befrieden. Gerade deswegen sollte die Krise schon im Status der Formverniedlichung, während es bloß kriselt, ernster genommen werden, als es der Sprachgebrauch nahelegt.

Gastgeberfreundlich

Manchmal klingt der Dank an den Gastgeber für den „schönen“ Abend wie ein angestrengter Trost, weil dieser doch recht misslungen war.

Sieh‘s mal positiv

„Wir kommen zu spät“, bemerkt der Fahrgast, als die Zugbegleiterin an ihm entschlossen vorbeihuscht.
„Ich weiß.“ Sie ist abrupt stehengeblieben. Der um seine Anschlüsse besorgte Reisende schaut sie erwartungsvoll an. „Besser als zu früh. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten bei diesem Schmuddelwetter durchnässt am Bahnsteig stehen, weil wir vor der Zeit angekommen sind. Das ist doch wirklich kein schöner Gedanke.“ So spricht sie und verabschiedet sich.
Der Abteilnachbar braucht eine Weile, bis er versteht, dass er gerade von ihr im Regen stehengelassen wurde.

Inflation

Kurze Bestimmung der Inflation: Der Unterschied zwischen zu viel Geld und zu wenig Geld wird immer kleiner. Die Quantität schafft keine Qualität mehr.

Besserwissen

… „Verdammt, gibt es irgendetwas, das du nicht weißt?“
„Keine Ahnung.“

Gewaltenteilung

Zum demokratisch verfassten Staat gehört, dass alle Gewalt, die vom Volke ausgeht*, nicht beim Volk bleibt, so dass es damit nach Belieben sein Unwesen treiben könnte. Das ist das Grundprinzip des Demonstrationsrechts. Demokratie lebt wesentlich von der Fähigkeit, sinnvoll zu delegieren.

* Art. 20 GG

Hin- und Rückweg

Der gleiche Weg kann kürzer oder länger sein, je nach der Lust auf das Ziel, abhängig vom Seelengepäck und dessen Erleichterung, von Vorfreude oder Nachdenklichkeit begleitet. Den Triumph, den Luther empfand, als er seine Thesen zum Ablass erstmals in die theologische Auseinandersetzung brachte, ein paar Monate nach deren Veröffentlichung, die der Reformationstag feiert, in Heidelberg beim Ordenskapitel der Augustinermönche, fasste er in ein Erleichterungsbild; er wählte die Metapher des Wegs: „Ich ging aus zu Fuß und kam zurück im Wagen“*, bemerkte er im Anschluss, nicht ohne Befriedigung. Er war von gleich zwei Delegationen mitgenommen worden, die ihn eingeladen hatten mitzureisen. Da war nichts von Spaltung, Trennung, Schisma zu spüren. Sondern nur von der Lust, auch nach Ende der Veranstaltung weiterzudisputieren. Denn das wollen streitbare Thesen allein: dass wir ins Reden finden.

* WA, Briefe 1, 75

Synästhetik

Wahre Gedanken sind auch schön (tun aber nicht unbedingt gut). Gute Ideen sind auch wahr (brauchen aber nicht schön zu sein). Schöne Sätze tun gut (sind aber nicht unbedingt wahr).

Wissensgesellschaft

Das Problem unserer Zeit: wachsendes Wissen, schwindendes Urteilsvermögen; Datenfülle, Informationslücken; zu allem eine Meinung, zu Wahrheit kein Verhältnis.

Wenn die Worte fehlen

Es kommt nicht selten vor, dass wir handeln, weil uns die Worte fehlen. Umgekehrt reden wir oft, solange wir nicht wissen, was wir tun sollen. Erst wenn die Sätze so kraftvoll sind, dass sie dieselbe Wirkung erzielen wie eine Aktion, können wir auf jene Verhaltensweisen verzichten, die sprachlos machen.

Gleichung der Wahrheit

Lesefrucht:
„Wenn du wie die Menge denkst, wird dein Gedanke überflüssig.
Für die Masse ist ihr Gefühl eine ,Wahrheit‘.
Für jeden einzelnen bleibt es eine Frage.
Also ,Wahrheit‘ = Zweifel x Menge.“*

* Paul Valéry, Werke 5, 403

Ergebnisoffenheit

Eine der wichtigsten Eigenschaften des Denkens ist, dass es kein Ergebnis erzielen muss und dennoch sinnvoll sein kann.

Problembewusstsein

Es gibt Probleme, da ist deren Bewusstsein schon die Lösung. Und nicht selten auch das Gegenteil: dass man sie vergisst. Nur unwesentliche Fragen lassen sich befriedigen durch eine Antwort.

Gründliches Schweigen

Das Empfinden, bedroht zu sein, ist der natürliche Reflex auf ein Schweigen, dessen Unentschiedenheit noch nicht aufgehoben ist. Solange nicht klar ist, ob es sich auflöst in ein Wort der Versöhnung, den Willen zur Befriedung oder rohe Gewalt, erzeugt es jene stumme Nervosität, die, auf alles gefasst, vor allem mit dem Schlimmsten rechnet. Da ist nichts neutral, sondern die Bereitschaft zurückzuschlagen stets die erste Option.