Kategorie: Die tägliche Notiz

Unverzeihlich

Der Rigorismus in der Moral verfremdet das gute Gewissen, das im Recht zu sein sich dünkt, zur nackten Machtgeste. Alles kommt darauf an zu erniedrigen und zu verstoßen, weil selbst die Bitte um Verzeihung immer zu spät kommt, da eine Entschuldigung im zelotischen Programm der Kompromisslosen nicht vorgesehen ist. Nirgendwo sind der Sittenverfall und die Heuchelei größer als in einer Ethik, welche die Vergebung als Bedrohung ihres Selbsterhalts ansieht.

Schwarz auf Weiß

Weil im Schreiben der Gedanke die Stufe seiner Sinnlichkeit erreicht, muss er sich nicht über eine Handlung veranschaulichen.

Die Kraft des Mythos

Weil der Mythos sich nicht abhängig macht von dem, was wirklich ist, setzt er all seine Kraft darein, die Wirklichkeit abhängig zu machen von dem, was er erzählt.

Stellvertretendes Leiden

Nichts vereinzelt den Menschen so sehr wie sein Leid. Dort, wo der Zuspruch und die Gemeinschaft am meisten vonnöten ist, bleibt er letztlich gefangen in seinem Schmerz, trotz Trost und Beistand. Es gibt aber ein Leid, das stellvertretend empfunden wird: die Fremdscham. Sie meint, dass einer für Augenblicke in der Haut eines anderen steckt und dort alle Pein aushalten muss, die dieser nicht zu spüren scheint.

Was willst du?

Wer (zu) vieles will, will nichts. Der Wille ist das Organ der Wahl.

Nichts ungeheurer

Nur Menschen, nichts sonst, können unmenschlich sein. In dieser Schreckensdiagnose, die schon Sophokles dem Chor in seiner Tragödie „Antigone“ in den Mund legt*, steckt auch die Minimalhoffnung auf das, was nur Menschen eben auch können: sich zu ändern.

* „Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ – Vgl. 2. Akt, VV332ff.

Endlichkeit und Unendlichkeit

Wie unendlich die Liebe ist, merken viele erst, wenn sie die Endlichkeit der Liebe kennengelernt haben.

Am Abgrund

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“*

* Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus Nr. 146

Bedrohlich

Solange noch gedroht wird, ist die Hoffnung auf politische Konfliktbewältungen nicht verloren. – Die Welt steuert auf einen Zustand zu, in dem es nötig sein wird, sich zu verabschieden vom Glauben, dass zu jeder Frage natürlicherweise eine Lösung gesucht werden kann, weil es eher darauf ankommt, Probleme auszuhalten, als die Komplikationen zu vermeiden.

Die Freiheit zu schweigen

Die Freiheit zu schweigen, die in Wahrheit jenen Freiraum umschreibt, in dem das Reden überhaupt erst entsteht, ist suspendiert in zwei Augenblicken: angesichts von abgrundtiefem Hass und in der Konfrontation mit dem Tod. Wenn die Stummheit eine fast natürliche Reaktion darstellt, ein Ereignis plötzlich fassungslos und sprachlos machen will, erwächst aus der Unentschiedenheit, ja Verlegenheit, etwas zu sagen, die Pflicht, das Wort zu ergreifen als menschlichste Kraft des Widerstands, der Versöhnung und des Trosts. Und sei es, dass es nicht mehr spricht als jene Grundformel, die sich höchst unterschiedlicher Präsenzzeichen bedient, das „Ich bin da“, und die im Jüdischen als Name Gottes gilt.

Nicht nichts

Die Befreiung des Nein vom Negativen ist die Entdeckung, dass es kein Ja geben kann ohne Ausgrenzung und Selbstbeschränkung, die alles Unbestimmte und Unklare zu Etwas erst machen.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Vor die Rache hat sich das Recht gesetzt: Militärische Gegenwehr, das sind keine Vergeltungsschläge, sondern durch das Völkerabkommen legitimierte Reaktionen staatlicher Souveränität.

Deutschlandtempo

Anders als auf der Straße ist in der Politik die Überholspur weder äußerst links noch äußerst rechts.

Zugestiegen?

Durch das Bahnabteil dringt es fordernd: „Zugestiegen?“ fragt der Schaffner die Reisenden. Einer reagiert nicht wie erwünscht, indem er sein Ticket einfach aus der Tasche zieht und dem Zugbegleiter stumm vor die Nase hält. „Zugestiegen??“ Der Kontrolleur baut sich vor ihm auf. „Das sehen Sie doch“, antwortet der Passagier. „Ich sehe gar nichts.“ „Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen.“ Die Stimmung kippt. „Zum letzten Mal: Sind Sie zugestiegen?“ „Ja, was denn sonst“, reagiert der Fahrgast unwirsch. „Oder wie kommen Sie so in den Waggon?“

Barbarei

Die schlimmste Form einer Erniedrigung der Zivilisation in ihrer Grausamkeit ist, dass deren Erwiderung in jene krude Rache mündet, die selber barbarisch ist.

Bekannt, nicht erkannt

Auf einer Party neben jemandem zu sitzen gekommen, dessen Gesicht im Niemandsland der Erinnerung abgespeichert war, irgendwie bekannt, doch nicht zuzuordnen. Nicht einmal die Vorstellung mit dem Vornamen half. Nach dem Smalltalk zum Aufwärmen die unausweichliche Frage: Und du? Was machst du so? Ich bin beim Fernsehen. Vor oder hinter der Kamera? Vor … Täglich, zur besten Sendezeit. Der Groschen fiel auch da noch nicht. Erst der vollständige Name klärte auf. Und es stellte sich nicht ein, was sonst oft passiert im Gespräch mit Prominenten: die Qual der Befangenheit, die gelegentlich das Interesse am anderen schnell versiegen oder sich überschlagen lässt in hysterische Neugier. Nichts ist entspannter als eine Begegnung im Schutz der Anonymität oder Ignoranz. „Das Bekannte überhaupt“ schreibt Hegel begriffstheoretisch bedeutsam, „ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“* Wie wohltuend, möchte man wider den Sinn des Satzes hinzufügen.

* Phänomenologie des Geistes, 35

Kurz oder lang

Die Regelungsdichte in einem Staat kommt nicht von Ungefähr. Sie hängt unmittelbar zusammen mit dessen Gerechtigkeitsideal. Sobald es sich im Ausgleichsverlangen ausdrückt, muss die Verwaltung darauf achten, dass nicht benachteiligt wird, wer angemessen Ansprüche anmeldet, und Verordnungen schaffen, die das im Detail abbilden – ein nie abgeschlossener Prozess. Es ist ein Unterschied im ganzen, ob Gerechtigkeit sich niederschlägt in der Maxime: Keiner darf zu kurz kommen. Oder in der Vorstellung, dass jedem die Chance zu gewähren sei, sich genau so lang zu entfalten, wie er das Gemeinwesen, das Zusammenleben der Vielen in Vielfalt nicht hindert.

Politische Versuchungen

Die Versuchung der Politik: zu viel zu versprechen.
Das Versagen der Politik: nicht eingestehen zu können, daran gescheitert zu sein.

Marode Moral

Das Problem der öffentlichen Moral in diesen Tagen ist, dass sie meint, sich schon deswegen nicht rechtfertigen zu müssen, weil sie sich dünkt, auf der richtigen Seite zu stehen. Jeder nonchalante Verzicht auf die Legitimationsbedürftigkeit gibt sich den Anschein des Totalitären. So zeigt sich Moral unverhohlen als zur Tugend aufpolierte Geste der Macht.

Absolut genial

So manche Handlung, die als genial angesehen wird, ergibt sich aus der glücklichen Verdichtung von höchstem Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein mit einer Situation absoluter Ungewissheit: so dass sich nicht das Ich in der Welt verliert, sondern die Welt im Ich. (Gerade vom Gerücht gelesen, dass der Ausnahmefußballspieler Zlatan Ibrahimovic zurückkehrt zum AC Milan; vor fast elf Jahren, am 14. November 2012, erzielte er beim 4:2-Sieg gegen England nicht nur alle Tore für Schweden, sondern zeigte in einer genialen Sekunde ein zaubrisches Werk, den erfolgreichen Fallrückzieher aus fünfundzwanzig Metern, das singulär geblieben ist in der Welt der kickenden Künstler.)

Warum wir Geschichten erzählen

Kausalität ist eine auf die Minimalform des naturwissenschaftlichen Gesetzes reduzierte Erzählung vom Zusammenhang und Zusammenhalt der Welt, die ihr Bedeutung geben soll und dem Ereignis, dass eines aus dem anderen zwingend erfolgt, die Chance gibt, bedeutsam sein zu können.

Kunsthandwerkswort

Was als Kunstwort sich einführt, ist oft nicht mehr als der Sprachschnitzer eines mittelmäßigen Kunsthandwerkers. So ist Unsinn und zeugt von Unkenntnis, wenn dem Dialog, der zwar ein Zwiegespräch sein kann, aber nie sein muss, ein Trialog als numerische Steigerungsform der Mitredenden beigesellt wird. Wo mittels der Vernunft (dia-logos) die Auseinandersetzung geführt wird, sollte sich auch der hohe Ton der Verständigung nicht ändern, wenn noch der eine oder andere Diskutant hinzukommt. Auch der Austausch von drei Parteien, kann die Qualität eines Dialogs haben.

Philosophische Geburtstagsgrüße

Leben bedeutet, dass wir das Selbstverständlichste: sterben zu müssen, jeden Tag aufs Neue als das nehmen, was ganz und gar unselbstverständlich ist.

Gewaltlösung

Gewalt sei keine Lösung, heißt es oft. Doch, muss man leider erwidern. Zumindest so lange, wie denen, die sagen, Gewalt sei keine Lösung, keine anderen Worte einfallen, die Gewalt auflösen.