Tag: 23. September 2018

Der Ernst der anderen

Wir leben in einer Zeit, in der einem angesichts bitternster Verirrungen das Lachen nicht im Halse stecken bleiben darf. So manche gesellschaftliche Deformation lässt sich am besten bekämpfen, indem man die unfreiwillige Komik ihrer aufgeblasenen und aufgeladenen Symbolik oder beschwörenden Reden ins Absurde übertreibt. Das Lachen ist die verlegene Anerkennung des Unvermeidlichen, das um jeden Preis vermieden werden muss*, weil „in ihm gerade Nicht-Domestizierbares domestiziert“ wird.** Lachen bedeutet, sich nicht raushalten zu können, auch wenn man nicht immer seriös eingreifen kann.

* Die Formel setzt sich ab von jedem dogmatischen Umgang mit individuellen oder sozialen Entwicklungen und versucht, eine Antwort zu geben auf die Frage, warum Menschen trotz besserer Einsicht und schlechten Erfahrungen von Neuem Ideologien verfallen, Hass und Gewalt ausbrechen lassen, Ressentiments pflegen, dümmsten Parolen erliegen. Nur der Dogmatismus meint, „ausrotten“ zu können, was ihm nicht ins Weltbild passt.
** Vgl. Klaus Heinrich, dämonen beschwören, katastrophen auslachen. Reden und kleine Schriften 3, 73.