Monat: März 2019

So nicht

In jeder Organisation muss es Instanzen geben, deren vornehmste Aufgabe darin besteht, die Handlungsfähigkeit aller aufrechtzuerhalten, die sich nicht zuletzt zusammengeschlossen haben, weil sie meinten, so besser agieren zu können. Im Idealfall übernehmen der Vorstand oder eine Regierung diese Pflicht. Was aber, wenn diese versagen? Die Weltlage zeigt derzeit etliche Lehrbeispiele, in denen Politik und Ökonomie erinnert werden an das, was sie einst ins Leben rief: das Politische, der Handlungswille, der sich einer Haltung verdankt. Das hat der Untersuchungsbericht zur amerikanischen Präsidentschaft gemeinsam mit den Putschgerüchten in der britischen Regierung, ja mit dem Aufstand der Angestellten gegen eine wirtschaftlich unsinnige Bankenfusion.

Die Siege der Frechheit

Eine der wichtigsten Waffen der Macht ist ihre Schnelligkeit. Was im gewaltarmen Sprachgebrauch noch in Erinnerung an körperliche Auseinandersetzungen Schlagfertigkeit heißt, gelingt verblüffend oft als Überrumpelung einer Mehrheit durch wenige, die keine Scheu haben, Hemmnisse leichter überwinden, mit Rücksichtslosigkeit vorgehen. Bis sich Gegnerschaft formiert hat, sind sie weitergezogen und hinterlassen den schalen Eindruck, sich nicht angemessen gewehrt zu haben, ja dass im Ernstfall schiefgehen könnte, was nie geschehen dürfte. So holen sich rechte Randgruppen ihre gar nicht nur kleinen Erfolge; so glaubt ein narzisstisch gestörter Regent durch ostentative Unverschämtheiten sich ins Recht zu setzen. Wehret den Anfängen, das ist eine lebenskluge Einsicht, die weiß, das die meisten Machtkämpfe nicht auf den großen Schlachtfeldern entschieden werden, sondern dort, wo sie als solche noch nicht recht erkennbar sind.

Heile Welt

Alle Nostalgie verklärt weniger die Vergangenheit, als dass sie die Sehnsucht formuliert, die Welt könne wieder heil werden. Von der Utopie unterscheidet sie sich nur darin, dass sie der Zukunft die Wirkkraft und die Vorstellungskraft nicht zutraut, jenen erwünschten Status zu erreichen. Mangels nach vorn gerichteter Phantasie erträumt sie sich ein Bild vom Gewesenen, das aus folkloristischen Details und einem ornamental geschmückten, künstlichen Heimweh zusammengebastelt ist und zur unpolitischen Weltflucht einlädt. Auch die Nostalgie schafft einen Unort, nur dass dieser, anders als bei der Utopie, durch Fasslichkeit verführt.

 

 

Weitgereist

Von wem wurde eigentlich jener Satz erfunden, der einer ganzen Branche, dem Tourismus, zum rechtfertigenden Leitmotiv geworden ist: Reisen bildet? Von einem Reisenden oder einem Gebildeten? Goethe hat in einem Brief an Schiller eine eindeutige Antwort gegeben: „Für Naturen wie die meine, die sich gerne festsetzen und die wichtigen Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie berichtigt, belehrt und bildet.“* Denn die Reise gleiche einem Spiel, in dem es immer Gewinn und Verlust gibt, man aber meist mehr empfange, als man erhoffte. Voraussetzung sei, dass die langweiligen Zeiten der Bewegung (in der Kutsche), der Überfahrt genutzt werden, um jene Phasen der Zerstreuung vor Ort abzulösen mit der Arbeit an sich selbst und dem Erfahrenen. Reisen bildet also, so der in die Schweiz gefahrene Dichter, aber nur die Gebildeten.

* Brief aus Stäfa vom 14. Oktober 1797, in: Hamburger Ausgabe, Briefe. Bd. 2, 311

Darf ich vorstellen?

Die höfliche Wendung – als Frage getarnt, die auf Antwort nicht erst wartet –  „Darf ich vorstellen?“ ist so galant gar nicht. Alles, was vorstellt, stellt sich auch davor und verstellt, was es vorstellt. Menschen, die ihre Begleitung ins Gespräch bringen mit Worten, deren persönlicher Färbung man ausgeliefert ist, ob sie treffen oder verfremden. Bilder, die darstellen wollen, was ist, und sich so zwischen Welt und Betrachter frech setzen. Hinweise, die nach Interpretation verlangen, Erzählungen, Beschreibungen, Nachrichten. Eine Sache bekannt zu machen bedeutet, den Zugang zu ihr in dem Maße versperren, wie man ihn öffnet. Der Wunsch nach Unmittelbarkeit, nach unbeeinflusster Zuwendung entstammt der Phantasie; und muss dort bleiben.

Das Loch im Herzen

Treulosigkeit ist eine Sonderform des Vergessens. Das Loch im Herzen ist kein Organfehler; es zeigt sich als Erinnerungslücke.

Wenn alle wüssten, was sie wissen

Auch Unternehmen haben ein Unterbewusstsein. So manches von dem, was sie als lästigen Zuwachs an Komplexität erfahren, ist bei genauerem Hinsehen gar kein Kalkül, das mit etlichen unbekannten Größen zurechtkommen muss, sondern die Irritation über die Wiederkehr des erfolgreich Verdrängten. Je vielschichtiger die Welt, desto größer nicht nur die Wahrscheinlichkeit des Unvertrauten, sondern auch dass wir allzu Bekanntes nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Fridays for Future

Verkehrte Welt: Weil die Elterngeneration eigennützig regrediert und in ihrer Verantwortung für die Kinder versagt, ergreifen die Kinder das Wort und reden wie Eltern, ja Großeltern in Sorge um ihre Enkel. Das vielleicht viel größere Vergehen der Erwachsenen jedoch ist, den Jugendlichen deren Gegenwart nicht zu lassen, die sie brauchen, um zuversichtlich Zukunft zu ergreifen. Aus Mangel an Initiative der Altvorderen sehen diese sich gezwungen, auf das zu verzichten, was ansteht (Unterricht nämlich, Lernzeit)*, und die ihnen zustehende Sorglosigkeit einzutauschen, indem sie einstehen für das, worauf sie aus guten Gründen nicht verzichten wollen.

* „Why should I be studying for a future that soon may be no more, when no one is doing anything to save that future?“ – Greta Thunberg

Schwarzweiß-Malerei

Bilder wecken das Interesse in dem Maße, wie es neben dem, was zu sehen ist, auch etwas zu denken gibt (weil es nicht zu sehen ist). Das mag die heimliche Faszination erklären, die im Zeitalter der hochauflösenden Farbfotografie und des dreidimensionalen Films wieder Ablichtungen populär sein lässt, in denen, und sei es durch digitale Filter, eine Sache über Grauwertabstufungen dargestellt ist. Und es kann jenen imaginären Punkt beschreiben, an dem abstrakte Malerei sich löst von der Frage, was sie bedeuten will.

Preisschraube

Auch das Selbstbewusstsein hat seinen Preis. Nichts treibt das Honorar stärker in die Höhe als freche Höflichkeit, mit der es seine Forderung vorbringt. In einem freien Markt, in dem die Bezahlung nicht über eine Gebührenordnung geregelt ist, gibt nicht zuletzt Chuzpe den Ausschlag, wie hoch die Vorstellungen geschraubt werden können. Der Rest ist Qualität. Je unerschrockener, bis hin zur leichten Dreistigkeit, Tagessätze oder Monatspauschalen in die Verhandlung eingebracht werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass charmante Penetranz und intelligente Unwiderstehlichkeit sich am Ende vertraglich durchsetzen. Bescheidenheit ziert das Persönliche, nicht das Professionelle.

Warum der Fußball fasziniert

Jenseits der sportlichen Attraktion lässt sich im Fußball begeistert eine Einseitigkeit und Parteilichkeit inszenieren, die im alltäglichen Leben jeden aufgeweckten Geist in höchste Verlegenheit brächte. Als Anhänger einer Mannschaft muss er die Vielzahl an Perspektiven ausblenden, die einzunehmen nicht nur sonst möglich wäre, sondern geradezu geboten. Für ihn gibt es nur eine Wahrheit, nur seine Meinung, nur diesen Standpunkt. Lächerlich machte sich ein Fan, der redete wie ein halbwegs informierter Wissenschaftler, der eine Sache ausdifferenziert betrachtet und bis zur eigenen Desorientierung behauptet, man könne sie so und so sehen; und noch ganz anders. Eingehüllt in den Vereinsschal verliert der Zuschauer die Rolle des neutralen Beobachters. Er leidet mit, schreit seine Mannschaft heiser zum Erfolg, verschmilzt mit den Spielern an einem magischen Abend taumelnd zu einem Klumpen der Ausgelassenheit. Trotz der vielen Helden und ungleich verteilten Talente im Stadion ist der Fußball wie kaum anderes geeignet zu vermitteln, wie schön und beglückend das Stadium vor der Indivuation gewesen sein mag. Regrediert zum Massenmitglied ist für den Spielfaszinierten die Welt wieder einfach, sind die Beziehungen klar, die Ziele ausgemacht. Für den Augenblick von neunzig Minuten ist das Leben reduziert auf schlichte Alternativen: Triumph oder Niederlage, Freude oder Betrübnis, Freund oder Unverständnis – „Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen“*.

* Refrain der Hymne von Eintracht Frankfurt 

Ohne zu

Eschatologische Sätze behandeln Hoffnungen, deren Erfüllungswahrscheinlichkeit in so ferner Zukunft liegt, dass nicht erkennbar ist, ob sie eine Zukunft haben. Das vielleicht bekannteste unter diesen Worten stammt aus dem Testament und ist zum gesellschaftspolitischen Leitmotiv geworden. Beim Propheten Micha heißt es, dass die großen Völker „ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen“ werden. (Micha 4,3) Sie, diese Erwartungen, handeln von glücklichen Zeiten und unbekannten Orten, solange die Frage unterschwellig bleibt, wann und wo das denn sein werde. Und allesamt sind sie strukturiert nach der Logik des „ohne zu“: Schwerter sind zu gebrauchen, ohne Kriege zu führen, mit Spießen lässt sich arbeiten, ohne Streit zu säen. Solche Vorausnahmen, auch die am wenigsten offenkundigen, sind wichtig. „Ein Bewusstsein ohne Erwartung wäre ein solches, das aus absoluten Überraschungen bestände.“* Man muss sich nur im Klaren sein über die Qualität von Formeln dieser Art. Kritisieren, ohne zu verletzen; managen, ohne das Unternehmerische zu vergessen; aus einer politischen Gemeinschaft austreten, ohne deren Vorteile zu verlieren: das alles klingt zwar verheißungsvoll, ist aber so realitätsfremd wie das berühmte Waschen, ohne nass zu machen. Eschatologische Sätze taugen vielleicht als regulatives Ideal einer Handlung, nie aber als Handlungsanweisung.

* Hans Blumenberg, Phänomenologische Schriften 1981 – 1988, 411. Der Autor fügt hinzu: „Die Frage ist dann, ob und wie dies der Bestandsfähigkeit des Bewusstseins zusetzen würde.“

Kann ich dir vertrauen?

Nicht zuletzt an der Konsequenz, mit der jemand sein Leben führt, bildet sich das Vertrauen aus, das ihm entgegengebracht wird. Solche Folgerichtigkeit schlägt trittsichere Brücken zwischen Wort und Tat. Löst einer sein Versprechen ein; lässt er nach der letzten Androhung nicht nach, wenn Strafe geboten ist; erfüllt er Erwartungen an Hilfe oder Trost? Das sind die impliziten Fragen, die prüfen, ob es lohnt, auf Verlässlichkeit unbedingt zu setzen – nur um mit dem so errungenen Überschuss an Gewissheit auch jene Momente zu überstehen, in denen es an der Stimmigkeit im Handeln hapert.

Professionelles Arbeiten

Es gibt Formen der Professionalität, die fast jeden Beruf langweilig erscheinen lassen: die Kenntnis von Standards, Prozesssicherheit, der routinierte Umgang mit Unerwartetem, die weitgehend überraschungsfreie Gestaltung der Abläufe. Erfahrung bedeutet, von einer Selbstgewissheit getragen zu sein, die zureichend viel schon erlebt hat. Und es gibt jenen künstlerischen Angang an die Sache, dem das alles fehlt, weil er Regeln bricht, die eigene Technik mit jeder neuen Aufgabe radikal in Frage stellt, das Widerständige liebt, Anfänge sucht, von seiner Zuneigung zu Naivität lebt. Der Künstler kann vieles sein, nur nicht professionell; gerade wenn er sein Handwerk vollkommen beherrscht.

Heilfasten

Man sollte die Fastenzeit einleiten mit dem festen Vorsatz, sich weniger schlechtes Gewissen zu leisten. Nicht um nach Gutdünken zu tun oder zu lassen, was einem gerade so willkürlich einfällt, sondern um, soweit noch nicht zerstört, unser hochfeines Orientierungsorgan vom moralischen und pädagogischen Ballast zu befreien. Eine so gereinigte handlungsleitende Urteilskraft besitzt nämlich ein sicheres Gespür für das, was mit Fug gut zu heißen verdient.

Abschiedsstimmung

Nichts macht so verlegen, wie einen Abschied gut zu inszenieren. Das beginnt schon damit, den richtigen Zeitpunkt zu finden, der stets willkürlich gewählt ist – auf dem Erfolgszenit, kurz vor Toresschluss, aus Angst vor dem Abstieg, der Degeneration, bei den ersten Anzeichen der Nachlässigkeit und des Überdrusses? Und es hört nicht auf bei der Art, ein Verhältnis zu beschließen – nur gemeinsam oder souverän, selbstbestimmt, still, mit großem Tamtam, abrupt, besser vielleicht: schleichend, erschöpft oder mit aller Kraft? Da kann es kein gelungenes Vorbild geben. Nicht zuletzt, weil jedes gesetzte Ende nur verrät, dass das Ende noch nicht gekommen war.

Eine deutsche Frage

Nur einer deutschen Seele konnte jene Frage einfallen, die den Titel für eine der ältesten und langlebigsten Fernsehsendungen hierzulande gibt: Verstehen Sie Spaß? Und die mit versteckten Ton- und Bildaufnahmen sich an jenem Gefühl ergötzt, von dem schon Schopenhauer meinte, es gebe „kein unfehlbareres Zeichen eines ganz schlechten Herzens und tiefer moralischer Nichtswürdigkeit“*: der Schadenfreude. Das kann man nur verstehen, wenn man den anderen deutschen Imperativ kennt, der zum Schlagergemeingut geworden ist: Ein bisschen Spaß muss sein! Ohne das Leid der anderen und den Befehl geht es nicht vergnüglich.

* Über die Grundlage der Moral, in: Sämtliche Werke Bd. III: Kleinere Schriften, 731

Poetik und Phonetik

Mit der Lautmalerei, wo die Stimme und die bildende Kunst sich in einem frühen Stadium am nächsten gekommen sind, mag die Geschichte der Sprache begonnen haben. Ihre höchste Form erreicht sie in der Lyrik, wenn sich Wort und Musik voneinander berauschen lassen. Kurz bevor sie reine Melodie werden, erinnern sich begriffliche und erzählende Form gerade noch an ihre Aufgabe, einen Vorstellungsraum zu bilden; und der dichtende Tonsetzer greift nicht nach Noten, sondern vertraut dem Klang von Rhythmus und Reim.

Zu Asche, zu Staub

Wenn nicht von vornherein jeder Anspruch, das eigene Leben zu ändern, von der Moral verniedlicht würde*, käme er der Seriosität dessen sehr nahe, was einst „Buße“ hieß oder zur Umkehr aufrief.

* Die Fastenaktionen der beiden Großkirchen, die am Aschermittwoch beginnen, stehen unter dem Motto „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lüge“ (ev.) und „Mach was draus: Sei Zukunft!“ (kath.). Als ob Wahrheit schon durch den Verzicht aufs Lügen zu entdecken sei. Was verdient, wahr genannt zu werden: die nackte Faktizität; oder das Mühen um Erträglichkeit? Eine Welt ohne Lüge und Selbstbetrug wäre genauso wenig auszuhalten, wie eine Welt nur schwer zu erdulden ist, in der dauernd getäuscht und gemogelt wird. Und als ob es nicht schon hart genug sei, dafür zu sorgen, dass Menschen eine Zukunft haben. Zukunft zu „sein“, so beglückend das sein mag, lässt sich allenfalls als ein Geschenk, als eine gnädige Begabung vorstellen, nie aber als das Ergebnis von dem, was man „macht“.  

Börsenweisheit

Die Ratschläge, die der Anlegermasse von den Vermögensprofis gegeben werden, sind allesamt defensiv und dienen vielleicht, große Verluste zu vermeiden. The trend is your friend  oder „Greife nie in ein fallendes Messer“, solche mehrheitstauglichen Finanzweisheiten haben noch nie zu Reichtum verholfen, ebensowenig wie die als Klugheitsregel maskierte Banalität, man solle sein Geld breit streuen in unterschiedliche Anlageklassen, wenn man die Zukunft nicht kennt. Wer weiß über sie schon präzise Auskunft zu geben. Was alle wollen, ist an der Börse zu teuer. Der wahre Spekulant ist erfolgreich, weil er gegen die Überzeugung der Vielen handelt und, nicht unwichtig, diese ins Unrecht setzt.

Überwältigend überzeugen, überzeugend überwältigen

Große Worte überzeugen nicht. Sie überwältigen. Da spielt Wucht mit Wahrheit; Kraft verformt die Klarheit. Der Hörer ist angerührt; doch wie soll er antworten? Nichts wäre falscher, als in der Sprache zu erwidern, in den Wettstreit einzutreten über die Frage, welcher Satz stärker sei. Es gibt nur eine Entsprechung, die angemessen ist: das Leben, das sich zu Herzen genommen hat, was gesagt ist, indem es zeigt, was gar nicht zu sagen wäre.

Und die Moral von der Geschicht‘

Wie viele Aphoristiker beginnen als sprühende Kritiker und enden als spröde Moralisten.

Die schreibenden Claqueure

So mancher Text, meist in der Form der Anrede formuliert, der unmittelbar zwar keine Antwort fordert, den nicht zu erwidern allerdings unhöflich wäre, macht den Adressaten zum schreibenden Claqueur. In der Zwickmühle gefangen hat jede Erwiderung einen leichten Zug von Unbequemlichkeit, als verweilte man zu lang schon auf einem harten Küchenstuhl und hätte alle Sitzpositionen mit mäßigen Erfolg, die richtige zu finden, ausprobiert. Nicht zu reagieren, belastete latent das Verhältnis bis zum nächsten Gespräch; belanglos zurückzuschreiben signalisierte unfreiwillig das Einverständnis, sich instrumentalisieren zu lassen. Im Grunde müsste es eine vornehme Form des inszenierten Applauses geben, die dem Angesprochenen die Möglichkeit der bestellten Verweigerung gibt zu entgegnen.

Überfluss und Überdruss

In einer Welt, deren Informationsüberfluss längst mit einem Informationsüberdruss beantwortet wird, weil sie zudringlich geworden ist durch den frei offerierten Zugang übers Netz, verändert sich auch die Bedeutung von Erfahrung. Das hat weniger zu tun mit wachsender Ignoranz gegenüber jenen, die aus ihrem Fundus noch voll schöpfen könnten. Sondern vor allem mit dem Schwund an Anstrengung, ein Ziel zu erreichen, Wege zu finden, Hindernisse zu überwinden, Umleitungen in Kauf zu nehmen. Erfahrung ist das, was sich ausbildet, wenn man erlebt, was sonst noch möglich wäre, weil die direkten Zugriffe verschlossen sind. Das kommt immer seltener vor. Schon Walter Benjamin schrieb in einem Aufsatz im Jahr 1933: „Erfahrungsarmut: das muß man nicht so verstehen, als ob die Menschen sich nach neuer Erfahrung sehnten. Nein, sie sehnen sich von Erfahrungen freizukommen, sie sehnen sich nach einer Umwelt, in der sie ihre Armut, die äußere und schließlich auch die innere, so rein und deutlich zur Geltung bringen können, daß etwas Anständiges dabei herauskommt. Sie sind auch nicht immer unwissend oder unerfahren. Oft kann man das Umgekehrte sagen: Sie haben das alles »gefressen«, »die Kultur« und den »Menschen« und sie sind übersatt daran geworden und müde.“*

* Erfahrung und Armut, Gesammelte Schriften. Band II/1, 218