Zivilgesellschaft

Es ist die Pflicht jeder bürgerlichen Gesellschaft, jenes Maß an Zivilisiertheit nicht zu unterschreiten oder ein niedrigeres Niveau zu dulden, das ihr politische Entscheidungen möglich macht, die auf der Grundlage eines Wettbewerbs um die besseren Inhalte getroffen werden. Und das verhindert, dass die Frage nach Wahrheit ersetzt wird durch lautstarke Beleidigungen, dass dreiste Lügen unwidersprochen bleiben, dass Pöbelei zum Hauptton einer wesentlichen Auseinandersetzung erkoren wird. Alles andere zerstörte das Fundament dieser Zivilgesellschaft.

Konfliktlösung

Viele Probleme im Zwischenmenschlichen verschwinden nicht, weil wir immer nur danach streben, den Streit zu befrieden, anstatt den Streit selber als Form der Befriedung zu begreifen. Konfliktlösung bedeutet nicht, dass Konflikte gelöst werden, sondern dass Konflikte lösen.

Die Kunst der höflichen Absage

Wenn ein Nein fällig wäre, weil eine Entscheidung längst gefallen ist, deren Erklärung aber aussteht …, wenn einer wartet auf das, was dem anderen zu sagen lästig ist und was dieser sich als unnötig mitzuteilen umdeutet, weil sich angesichts des Schweigens doch denken ließe, wie es um die Dinge steht …, wenn ausbleibt, was höflicherweise geboten wäre …, dann zeigt sich roh, wovon viele Begegnungen zwischen Menschen im tiefsten geleitet sind: die Instrumentalisierung. Das Gegenüber für die eigenen Zwecke einzuspannen, kommt so oft vor, wie es ohne Grundformen der Etikette einigermaßen unerträglich ist. Das ist die Funktion des Anstands, den anderen zwar wissen, aber nicht spüren zu lassen, dass es nur um die Frage geht, worin er nützlich sein könne.

Eine Art Naturkatastrophe

Zweimal ist das Wort „Naturkatastrophe“ öffentlich gefallen als Beschreibung einer Zeit der Ansteckungsgefahr, vom Virologen zunächst angeboten und vom Politiker wiederholt.* In ihm klingt mit das Ohnmachtsgefühl und die Schicksalhaftigkeit eines Ereignisses, dem der Mensch ausgeliefert ist, nur dass sich dieses nicht lokal begrenzen lässt wie ein Vulkanausbruch oder ein Tsunami. Gegen solche Überwältigung richten sich schon immer die Wissenschaft, deren Aufklärungsbemühen im Dienst der technischen Beherrschung steht, und die Staatslenkung, deren Pragmatismus stets die Fähigkeit des Zusammenlebens steigern will. Dass die Erinnerung an die Natur und ihre ungezügelte Kraft mit dem Begriff aus der Tragödientheorie verbunden wird – den Wendepunkt, an dem sich das Los des Helden entscheidet, die καταστροφή –, mag angesichts des großen Stils, mit der die Krankheit Menschen weltweit erfasst, auch einen längst vergessenen und verschobenen Gedanken über den natürlichen Gang der Dinge ins Blickfeld rücken. Vielleicht sind mit dem Tragischen auch Evolutionsgesetze wiedergekehrt, von deren Herrschaft der Mensch sich meinte, durch Kultur emanzipiert zu haben: die der Biologie. Noch Hans Blumenberg schreibt in seiner posthum publizierten Anthropologie, dass „die Existenzmöglichkeit des Menschen gerade dadurch biologisch definiert ist, dass er die Faktoren seiner eigenen Entwicklung auszuschalten vermochte. Ihm gelang dies, indem er eine wohl ausweglose Anfangssituation kompensierte durch die Schaffung einer kulturellen Zone um den eigenen nackten Leib herum. Diese kulturelle Zone, angefüllt mit Werkzeugen und allen Arten von Lebenssicherungen institutioneller und dinglicher Art, fängt den Zugriff der selektiven Mechanismen auf das organische System selbst ab.“** Was aber, wenn es sich bei dieser „Naturkatastrophe“ weltumspannenden Ausmaßes um genau die Wiederkehr einer natürlichen Auslese handelte, der zu entkommen die Wege noch nicht gefunden sind? Der Gedanke mag metaphysisch sein. Aber er ist, wie übrigens jede Metaphysik, weniger ein Versuch, das große Ganze zu bezeichnen, als dass er vielmehr geleitet ist von der Bescheidenheit gegenüber einer Welt, die zu verstehen eine unendliche, also nie abgeschlossene Aufgabe ist.

* Zuerst spricht Christian Drosten davon, auf dem World Health Summit: „Diese Pandemie ist ja erst mal kein wissenschaftliches Phänomen, es ist eine Naturkatastrophe.“ Dann, ein paar Tage später, beim Parteitag gestern, Markus Söder: „Corona ist eine Art Naturkatastrophe. Es ist vielleicht die Prüfung unserer Zeit und unserer Generation.“
** Beschreibung des Menschen, 539

Neue Normalität

Nach und nach kristallisiert sich heraus, was in Zeiten der Ansteckungsgefahr die neue Normalität bedeutet: Das Leben wird abstrakter, weil die Atmosphären schwinden mit den Orten, die nicht mehr selbstverständlich aufgesucht werden können – Theater, Konzertsäle, Hotelbars, Fußballstadien, Märkte. „Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.“ So hat es Hegel notiert in einem kleinen Aufsatz von 1807.

Motivation

Die wohl schönste und wirksamste Motivation in der Arbeit ist die Liebe zum Produkt und die aus ihr erwachsene Sehnsucht, es alsbald vorzeigen zu können.

Sich an die Regeln halten

Regeln, das ist die Einsicht der Allgemeinheit in die Fassung für den Einzelnen gebracht, von dem verlangt wird, sich als Teil einer Gemeinschaft zu verstehen und das Unvermeidliche anzuerkennen.

Baupläne

Die echten Kosten, die für den Bau von Luftschlössern anfallen, übersteigen den Preis für reale Immobilien bei weitem.

Lockdown

Vor der Zeit des Virus hieß die Frage: Was muss ich an meiner Arbeitsweise ändern, damit das Leben nicht zu kurz kommt? Mit steigender Zahl der Infektionen lautet die Frage: Wie stark muss ich das Leben einschränken, um weiter arbeiten zu können? Das ist die neue Formel für eine vernünftige Work-Life-Balance.

Geist und Geld

Wer aus Geist Geld machen will, muss das Einfachste so verpacken, als sei es das Kostbarste. Was manchmal sogar stimmt. Der umgekehrte Weg, das Komplizierteste schlicht auszudrücken,  ist notwendige Übung und beste Voraussetzung.

Nicht wie du

Jede Liebe erschrickt früher oder später über die Einsicht: Ich bin nicht wie du. Sie hält sich, wenn aus dem Ansatz zum Vorwurf schnell ein „Zum Glück!“ erwächst. Das Wir entsteht in dem Maße, wie der Schmerz der Differenz als Preis akzeptiert wird für den größeren Reichtum des Lebens.

Team, Arbeit

Die meisten Führungsaufgaben stellen sich gar nicht erst, wenn man von Anfang an geachtet hat auf die Zusammenstellung einer Arbeitsgemeinschaft, die eine schöpferische Eigendynamik entwickelt. Mehr als über Methoden der Kommunikation oder Varianten des Machtspiels sollte ein Teamleiter verstehen von der tiefen Beziehung zwischen Mensch und Raum. Wenn nur jeder an seinem Ort auch seinen rechten Platz gefunden hat, darf man darauf setzen, dass sich Sinn und Eigensinn im Handeln zu einer der Sache angemessenen Bewegung ausbilden.

Die perfekte Mischung

Ein gelungener Cocktail aus widersprüchlichen Eigenschaften: Perfektion, die sich nicht mit der Strenge verbündet, sondern sich in Nachsicht und Milde ausdrückt; der ernste Hallodri; der Eitle, der nicht nur sich, sondern vor allem die Menschen liebt; Handwerkskunst und Intellektualität; Kraft, Einfühlsamkeit, Entschlossenheit; das Zögern, das die Entschiedenheit vertieft; scheue Schönheit; reflektierte Naivität; Größe, die sich nicht in der Überbietung gefunden hat, sondern erwachsen ist aus der Zuwendung …

Sachen gibt‘s

Es gibt Sachen, denen man nur so gerecht wird, dass man sie geflissentlich übersieht.

Planlos

Wie werden wir uns treffen, wenn im Winter die Temperaturen so gesunken sind, dass es für ein Abendessen auf der Terrasse zu kalt sein wird?
Wann gehen wir mal wieder entspannt ins Kino? Oder gespannt ins Konzert? Oder ins Schauspiel, ohne angespannt zu sein? Oder zum Fußball? Auch wenn die Opernhäuser und Stadien ihre Tore ein wenig geöffnet haben …
Was planst du für das nächste Semester, wenn nicht klar ist, ob ein Präsenzunterricht dauerhaft möglich sein wird?
Arbeitest du von Zuhause aus, oder gehst du wieder täglich ins Büro?
Fährst du noch Zug, wenn die Abteile gut besetzt sind?
Glaubst du, dass dein Beruf das nächste Jahr überlebt? In welchem Job siehst du dich stattdessen?
Woher nimmst du die Kraft, auf alle Einschränkungen zu achten und die Lust am selbstverständlichen Umgang mit anderen nicht zu verlieren?
Feierst du noch Geburtstage oder Weihnachten mit der Großfamilie und Freunden?
Wann hast du dir das letzte Mal Kleidung im Modehaus gekauft?
Und einen geschätzten Menschen umarmt, dem du zufällig begegnet bist?

Eine Perspektive zu haben bedeutet, dass die Räume der Zukunft trotz der Pläne in jedem Fall größer erscheinen als die der Gegenwart.

Anstandshalber

Das Schweigen, wenn Dummheit oder Beleidigung schreiend nach Erwiderung verlangen, gehört nicht zum guten Ton in der Konversation.

Aus die Maus

„Auserzählt“ ist eine Geschichte, die noch fortgesetzt wird, obwohl sie keinen mehr interessiert.
„Ausgelebt“ heißen Leidenschaften, die nicht verlorengegangen sind, aber keine Sucht mehr erzeugen.
„Ausgedacht“ kann eine Idee beschreiben, die so anspruchsvoll ist, dass sie wirklichkeitsfremd bleibt.
„Ausgegoren“ kennzeichnet einen Reifezustand, der anders genannt wird, wenn er erreicht ist, weil der Ausdruck nur mit vorangestelltem „Nicht“ gebraucht wird.
„Auserwählt“ markiert nicht den Abschluss einer Entscheidung, sondern zeichnet jene aus, die aus ihr hervorgegangen sind.
„Ausgegrenzt“ redet von denen, die nie die Gelegenheit hatten, beteiligt zu werden.
„Ausbedungen“ erinnert an den Augenblick, da eine Verhandlung fast gescheitert wäre.

Das Präfix „aus“ verweist nicht zwangsläufig auf finale Lagen, sondern nur auf die Besonderheiten einer Situation, durch die sie zur Ausnahme wird.

Stimmen der Zeit

Unter den Stimmen der Zeit, die mehr ein Gewirr darstellen, als sich in ihrer Vielfalt auszubilden, bringt sich die des Glaubens nur leise zu Gehör. Das mag an der Überraschungsfreiheit liegen, die den Sonntagsreden vieler Theologen eignet, weil sie von einer formelhaften Antwort her entwickelt werden, ist aber auch ein überlieferter Modus des Gottesworts selbst (1. Könige 19, 12). Zu dieser Zurückhaltung gehört allerdings nicht der Verzicht, sich zu äußern. Sie könnte sich vielmehr in der Gedankenschärfe und Kompromisslosigkeit, in der mit List und Härte öffentlich vorgetragenen Offenlegung jenes Weltorts zeigen, an dem Menschen ihre eigene Ratlosigkeit nur so zu formulieren wissen, dass sie des Trosts und der Erlösung bedürftig sind. Der nämlich liegt weit jenseits der Felder, auf denen Probleme gelöst und Fragen beschwichtigt werden können. Da hätte sich Dezenz in Demut verwandelt und die große Gebärde in die selbstbewusste Bitte. In welchem Medium hätte Platz, dass „alle Fragen offen“* bleiben, weil sich diese Unbestimmtheit nicht durchs Reden beheben lässt?

* Mit dieser Formel aus einem Stück von Bertolt Brecht (Der gute Mensch von Sezuan, Epilog – „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“ , Ausgewählte Werke in sechs Bänden, 2, 294) beendete Marcel Reich-Ranicki seine Moderationen des „Literarischen Quartetts“.

Hybrid

Das Zauberwort in Schwellenzeiten heißt „hybrid“. Weil das Alte nicht mehr recht taugt und das Neue noch nicht wirklich überzeugt, gelten Mischformen als Übergangslösung, die sich gern als moderne Technik oder ultimative (Lern-)Methode vorstellen, als Sache eigenen Rechts. Sie sind zwar mehr als das, was die Volksstimme „Nichts Halbes, nichts Ganzes“ nennt, aber haben ihre eigene Unentschiedenheit nicht überwunden. Die Kunst ist, aus beidem ein Drittes zu schaffen, das weder den Rückfall provoziert, noch den Fortschritt ungeduldig erwarten lässt, durch das die Erinnerung und die Sehnsucht gleichermaßen eliminiert sind. Die Wortstammähnlichkeit mit der Hybris mag das Hybride gemahnen, sich der eigenen Vorläufigkeit so bewusst zu werden, dass alle Anstrengung darauf gerichtet wird, sich selbst zu überwinden. Hybridfahrzeuge, Hybridunterricht, Hybridrasen, Hybridzigaretten – das ist selten das Beste aus zwei Welten. Sondern nichts als die zur selbstgefälligen Form aufgeblasene Verlegenheit, es noch nicht besser zu wissen.

Die Lebensgeister der Wissenschaft

Jene Wissenschaften, die auf die Frage in Verlegenheit geraten, worin der Erkenntnisfortschritt besteht in ihrem Fach, also Philosophie oder Kunst, Geschichte oder Kultur, nicht zuletzt die Theologie, leisten vor allen anderen eines: dass der Geist lebendig bleibt, wach und neugierig, kritisch und weit orientiert. Und schaffen so wenigstens die Voraussetzungen für das, was Innovationen und deren Halbwertszeit für die Entwicklung der Kenntnisse bedeuten.

Fingerzeig

Bei den selten gewordenen Auftritten vor einem Auditorium, nicht zuletzt im Wahlkampf, sticht – im gar nicht nur übertragenen Sinn – eine Geste heraus: Vom Podium aus, oder auf dem Weg dorthin, zeigt der Protagonist ins Publikum, als habe er in der Masse jemanden erkannt, den er so begrüßt, als Einzelnen unter den Vielen. Damit die Vielen sehen, dass er viel sieht, jeden Einzelnen. Es soll ein Zeichen der Verbundenheit mit den Zuhörern sein, ist aber inzwischen zur willkürlichen Gebärde geworden, ja zur Marotte einiger Redner, die alles mögliche bedeutet, irgendwas zwischen überraschtem Wiedererkennen, Führungsstärke, Anspruch und der moralischen Überheblichkeit, die dem Zeigefinger stets anhaftet. Vilém Flusser hat in seinem „Versuch einer Phänomenologie“ die Geste „als eine Bewegung des Körpers oder eines mit ihm verbundenen Werkzeugs“ aufgefasst, „für die es keine zufriedenstellende Kausalerklärung gibt“.* Man müsse sie stets lesen lernen in der alltäglichen Situation, in der sie ihren Platz gefunden hat. Nur dass ein leerer Wink, der sich von jedem Sinn abgelöst hat, mit der Zeit seine Offenheit für Interpretationen verliert und bloß als hohler Fingerzeig allein die drei Finger in eine stärkere Aufmerksamkeit rückt, die seit einem Wort des Politikers Gustav Heinemann auf den zurückverweisen, von dem die bedeutungslose Attitüde ausgeht. Nichtig wirkt nicht mehr die Körperregung, deren Gerichtetheit nur noch billiger Schein ist, sondern der, der sie gebraucht, um etwas zu signalisieren, das ihm anders auszudrücken nicht mehr gelingt. Das Zeichen bekundet nicht nur nichts; es kommt auch aus dem Nichts.

* Gesten, 10

Unterkühlt

So manche Coolness entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Angst vor den unkontrollierten Formen der eigenen Leidenschaft.

Führungsaufgaben

Personen in Organisationen: das ist die wohl knappste Beschreibung dessen, was ein Unternehmen auszeichnet. Es besteht aus drei Dimensionen, wobei die dritte, die das kleine Wort „in“ markiert, wohl die schwierigste ist. Was hilft es, bestens beleumundete Führungskräfte einzusetzen, wenn sie nicht in die Struktur passen, die eine Firma sich gegeben hat. Und was bringt es, sich Arbeitsroutinen aufzuerlegen, die nicht den Menschen angemessen sind, mit denen es die Aufgaben zu erledigen gilt. Es gibt ein schlichtes Geheimnis in jeder gelingenden Führungsaktion: Individuen so zusammenzubringen, dass sie um eines größeren Ganzen willens Lust aufeinander haben, und Räume zu schaffen, die ihnen die Lust nicht nehmen, dieses Ziel gemeinsam zu erreichen. Nur, dass das nicht so einfach ist.

Die Wiederkehr des strategischen Denkens

Strategie ist die Methode des Denkens, die es wählt, wenn die Zeiten in hohem Maß ungewiss geworden sind. Mit ihr ersetzt es, was ihr abhanden gekommen ist an Fortschreibungen der aktuellen Situation. Jede Strategie muss mit der Gegenwart brechen, weil sie aus dem Übermorgen ihre Annahmen ableitet für das, was mittelbar kommen wird. Sie verbündet sich mit der Rhetorik nach dem Maß ihrer eigenen Kühnheit.