Zu blöd

Ignoranz ist die Arroganz des Geistes.

Noli me tangere

Es gibt ein Hören, das so aufdringlich und eindringlich ist, dass sich unwillkürlich die Vermutung regt, es könne noch vor dem Sehen derjenige Sinn sein, der das größte Talent zur Indiskretion aufweist.

Weiß nicht

„Zeitlos“ ist der beschönigende Name für eine Sache, die aus der Unentschlossenheit entstanden ist und sich als Kompromiss bewährt hat.

Kreuzgang

In dem Augenblick, da zwei Menschen ihre Wege mangels Gemeinsamkeiten nicht mehr parallel gehen, schaffen sie die Voraussetzung, dass sie sich von nun an kreuzen können. Weil sie einander nicht mehr begegnen, schwingt in manchem „Wir haben uns zufällig getroffen“ auch der schmerzliche Hintersinn mit, getroffen zu sein.

Aufs Ganze gesehen

Wer aufs Ganze geht und verliert, wer „Alles oder Nichts“ vergeblich pokert, nimmt bei seiner Niederlage sich selbst aus dem Spiel: Es ist nicht nur nichts geworden, sondern alles vorbei. Nun ist der Ernst pur und mit ihm stellt sich stets die Frage nach der persönlichen Konsequenz.

Geschichten

Die Erinnerung, die sie zu Tränen rührt, ist für ihn nur die missglückte Anstrengung, mit der er eine lange gemeinsame Geschichte verdrängt hat.

Das bringt’s nicht

Die Armut eines Handelns, das keiner Idee, nicht einmal der von sich selbst, entspringt, verrät der Aktionismus. Er ist die Endform einer Verzweiflung des Tuns über sich angesichts dauerhafter Wirkungslosigkeit. Es bleibt nur die pure Kraft einer Steigerung dessen, was man schon ungezählte Male versucht hat. Nichts lässt deutlicher erkennen, was Sinnlosigkeit heißt.

Berührungsempfindlich

Viele Sprachbilder verraten unmittelbar, dass sie aus einer sinnlichen Erfahrung entstammen. Metaphern, die „aus der Hüfte geschossen“ gebildet wurden, also nicht lang überlegt sind, die den „naseweisen“ Wortbildner entlarven, dennoch „leichtfüßig“ daherkommen, – aus ihnen allen spricht eine Körperlichkeit, die ehedem, in den frühen Tagen ihrer Entwicklung, der Sprache Leben eingehaucht hatte. Zu diesen sinnlichen Ausdrucksformen zählt auch ein neueres Phänomen, der pocket call. Wie oft erhält man Anrufe von Menschen, die nichts davon merken, weil das Smartphone mit seinem berührungsempfindlichen Bildschirm auf versehentlich ausgeführte Befehle reagiert und sich in der Hosentasche selbständig gemacht hat. Irgendwann werden solche Signale aus der Nichtigkeit die Symbolwelt der Sprache bereichern, vielleicht als Formel für alles Absichtslose. Noch zu frisch für den übertragenen Sinn sind sie Anlass, diskret zu fragen, warum man solche pocket calls ausschließlich von männlichen Telefonbesitzern erhält.

Blockchain

Vielleicht ist das Faszinierendste am digitalen Phänomen der Blockchain nicht, dass über eine vielfältig gesicherte und wohl kaum manipulierbare Datenbank Finanztransaktionen ohne Mittler, also ohne Bank oder Börse, ausgeführt werden können. Sondern dass sie ein Lösungsangebot für das größte Problem unserer Gesellschaft sein kann: Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, den Verlust des institutionellen Vertrauens technisch wettzumachen.

Gleichheitsgrundsatz

Fairness: Mittlerin zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie repräsentiert die Gerechtigkeit unter den Bedingungen des Rechts. In der Fairness bekommt unser Regelungszwang ein menschliches Maß.

Stenografiertes Schönheitsideal

Sie: Was ist das auffälligste Merkmal an mir?
Er: Dein großer Mund. – Und bei mir?
Sie: Deine große Klappe.

Zu dumm

Es ist der Nachteil der Klugheit, dass es zu ihr keinen Plural gibt wie zur Dummheit die reiche, bunte Welt all der kleinen und großen Dummheiten, die ja meist nicht aus Mangel an Intelligenz begangen werden, aber in einen wunderbaren Mangel an Langeweile führen.

Analogie des Analogen

Was sich nicht digitalisieren lässt: alles, woran einer scheitert, obwohl sämtliche Bedingungen seines Gelingens mitgegeben sind – außer die persönlichen.

Theorie der Mahnung

Es gibt Behauptungen, die unter dem Deckmantel theoretischer Neugier in Wahrheit eine immerwährende Mahnung darstellen.
Ein berühmter Text, wiederentdeckt als gelegentliche Lesefrucht:
„An der rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten, an ihrer selbstzerstörerischen Affinität zur völkischen Paranoia, an all dem unbegriffenen Widersinn wird die Schwäche des gegenwärtigen theoretischen Verständnisses offenbar.“*
Trotz Dialektik der Aufklärung und der Aufklärung über die Dialektik hat sich an diesem Hang zur Selbstaufgabe der Freiheit offenkundig wenig geändert; die Schwäche besteht fort.

* Adorno / Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Vorrede, 3

Bilderverzicht

Vor dem Hintergrund, dass Leben bedeutet, sich zu verändern, artikuliert der erste Satz des Grundgesetzes, nach dem die Würde des Menschen unantastbar sei, einen Verzicht. An ihrer prominentesten Stelle will die Verfassung Raum lassen für die Entwicklung des Individuums, indem sie den Einzelnen davor bewahrt, zum Abbild der Vorurteile zu werden, die andere sich über ihn gebildet haben. Die Unantastbarkeit seiner Würde fordert den unbedingten Schutz vor allen Formen der Festlegung. Gesellschaft gelingt in dem Maße, wie wir es schaffen, einander das Recht einzuräumen, das Bild, das wir anderen über uns vermittelt haben, jederzeit wechseln zu können.

Gesprächsweise

Freundschaft: alles fragen dürfen, nichts antworten müssen.

Lehrinhalt

Aus der Niederlage lernen? Na klar – dass man sich nämlich mit ihr nicht allzu sehr beschäftigen sollte, will man den nächsten Sieg erringen.

Selbstbild

Im dialogischen Denken wird stets betont, wie wichtig für die Herausbildung des Ich ein Du sei, ein Gegenüber, über das ein Mensch sich selbst bestimmt. Was verschwiegen wird: Es ist gemeinhin der Widerstand; es sind die Konflikte, die wir mit anderen austragen, an denen sich unsere eigene Identität schärft. „Der Konflikt ist das Zeichen dafür, dass ich existiere“, notiert Barthes.*

* Roland Barthes, Das Neutrum, 218

Das verlorene Lachen

Wer nicht lachen kann, hat keine Distanz zu sich selbst.

Die reine Wahrheit

Wahrheit, aus Verzweiflung über die Lüge gesagt, stürzt den, der sie hören muss, in – Verzweiflung.

Ungehört

In der Musik genügt, unter Beibehaltung aller Noten, bloß eine leichte Akzentverschiebung – im Dreivierteltakt etwa vom ersten auf den dritten Ton –, um sie ganz und gar anders klingen zu lassen. Vielleicht ist das Neue nicht das Resultat eines großen, sondern das eines fast unmerklichen Eingriffs in die Sache.

Ich will. Und du?

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

„Spricht etwas dagegen, dass ich dir sage, wie sehr ich dich liebe?“ Mit dieser plötzlichen Gesprächswende, einer gut inszenierten Überwältigung befreite er sich oft und lächelnd aus Situationen, die ihm unangenehm waren, bedrängenden Fragen, unpassenden Wünschen, lästigen Aufgaben, aus Ermahnungen, Pflichten, Erinnerungen. Sie ließ es sich gewöhnlich gefallen; es schmeichelte ihr vor allem der Ernst, mit dem er sein Geständnis vortrug, bei dem es in Wahrheit nichts zu gestehen gab, nichts Neues, und doch fasste sie jedes seiner Worte an, als hörte es sie zum ersten Mal.
Doch heute ließ sie ihm das nicht durchgehen. „Jahrelang hast du immer versucht, mich mit deinen sprachlichen Zärtlichkeiten zu besänftigen. Jahrelang hast du dich um die Entscheidung Weiterlesen

Veränderung

Grammatikalisch betrachtet, bedeutet die Vorsilbe „ver-“ in den meisten Fällen eine Veränderung, nicht selten gravierend und unwiderrufbar. Wer den Duden zur Hand nimmt, wird verblüfft feststellen, wieviele Wörter dieses Präfix haben: fünfzig Prozent aller Zeitformen sollen es sein und werden durch das „ver-“ mit etwas versehen, was die Sache von der Stelle rückt, verrückt. Es könnte lohnen, sie daraufhin zu befragen, was ihr Beitrag zu jener Bewegung ist, die wir als eine emphatische Weise des Wandels wahrnehmen, die Erneuerung. Sie aufzulisten, gibt vielleicht besser zu verstehen, was aus dürren Gründen substantivisch Innovation oder Transformation heißt. Sicher gehören zu ihr Einstellungen, die viel mit dem Vergessen oder dem Verlernen zu tun haben, nämlich der Routinen, dem Verlagern, Verbannen und Verschieben … etwa eines Akzents oder einer Perspektive. Und die eines immer voraussetzen, wenn Erneuerung gelingen will: dass man sich verliebt in das, was kommt.

Der Zauber des Misslingens

Der gelegentliche Zauber des Misslingens besteht zu einem Gutteil in der Anmut, mit der ein Fehler überspielt wird, oder der linkischen Geste, aus der er hervorspringt. Woraus sich mit Fug entnehmen lässt, dass in vielen Fällen die Haltung dessen, der die Panne verursacht hat, entscheidet, wie ausschlaggebend das Malheur ist.