Frei von Zusatzstoffen

Formen der Beharrlichkeit

Treue: die Lust auf eine Alternative als aussichtslos anzusehen.
Loyalität: die Freiheit der Wahl im Angesicht der Alternative.
Standhaftigkeit: stille Ankündigung, dass alle künftigen Alternativen nicht ernsthaft erwogen, ohne geleugnet zu werden.
Hartnäckigkeit: in einer Alternative entschlossen die eine Seite verfolgen.
Starrsinn: Blindheit angesichts der Alternative.
Dogmatismus: Leugnung einer Welt, die durch ihre Alternativen vorangetrieben wird und in ihren Alternativen lebendig bleibt.

Der Ritt auf Prinzipien

Der Prinzipienreiter glaubt, dem Leben Zügel anlegen zu müssen, damit es mit ihm nicht ungelenkt durchgeht, und merkt nicht, dass er die Zügel gar nicht in der Hand hält, sondern die Prinzipien ihn reiten.

Urteil und Vorurteil

Die Dummheit der Masse ist nicht das Ergebnis einer Addition der Dummheit einzelner. Sondern sie bildet sich aus, weil das Vorurteil nach Mehrheiten sucht, wohingegen das Urteil um Einsicht wirbt. Selber denken, sich seines eigenen Verstands zu bedienen, diesem alten aufklärerischen Ideal sind kollektive Formen der Reflexion, die schon bei der Gruppenarbeit, dem teamwork, einsetzen, stets suspekt, weil eben auch das Umgekehrte gilt: dass die Mehrheit nach Vorurteilen sucht.

Die Macht der Liebe

Wie sehr die Liebe ein Machtspiel ist, offenbart sich im Augenblick, da eine Beziehung auseinandergeht: Jeder ist besonders bemüht, das letzte Wort nicht zu haben, um den anderen in der Ungewissheit zu lassen, wie er sich zu den Vorwürfen und Versöhnungsangeboten, den Vereinbarungen künftig stellen wird. In der Unabgeschlossenheit eines Gesprächs und der mit ihr einhergehenden Verunsicherung erhofft er sich eine letzte Form der Bindung, ja die Kraft eines Andenkens, die die Liebe nicht mehr aufbringt.

Volltrottel des Lebens

In den Augen des Experten gilt der gebildete Generalist leicht als Volltrottel. Das solide Halbwissen, das sich in Lebensaufgaben oft bewährt, bringt den Fachmann nicht selten zur Verzweiflung, weil er sich von ahnungslosen Fragen und Kommentaren bedrängt fühlt und zu unwirschen Reaktionen genötigt sieht, während er ein Problem bearbeitet, für das er längst die Lösung kennt, wohingegen der interessierte Laie es einzuordnen sucht in ein größeres Ganzes. Spezialisten glänzen mit Wissen, die Lebensklugheit findet gelegentlich guten Rat.

Das gewisse Etwas

Für das Einzigartige fehlen uns die Worte. Es überfordert Sprache, Anschauung, Gefühl. Über Menschen oder Dinge, von denen es heißt, dass sie das „gewisse Etwas“ besitzen, lässt sich weder Gewisses sagen, noch etwas bezeichnen, das sie auszeichnet. Sie zwingen sanft in eine Anerkennung, die nichts anderes sein kann als grenzenlose Faszination. Und die nur eines verwundert: dass andere davon nicht affiziert sein können.

Wohlfühlklima

Alles Erlebte ist begleitet von einer Stimmung, die oft spürbarer ist als das Geschehen selbst. Und mit der sich nicht selten auch andere Erfahrungen verbinden. Wenn morgens kurz nach Sonnenaufgang in das entfernte Taubengurren hinein plötzlich der Fasan heiser krächzt, so vermischen sich Erinnerungen an heitere Tage in der Toskana mit den aktuellen Vorstellungen der Vogelwelt auf der stillen Nordseeinsel. Die Atmosphäre, selber unfassbar, ist präziser als die Ereignisse, denen sie sich angehängt hat, und ablösbar von Raum und Zeit, obwohl sie Räume schafft und Zeiten gewichtet.

Überraschung!

Lassen sich die Provokation, die Überraschung, die Brechung des Gewöhnlichen dauerhaft inszenieren, ohne dass das Spiel mit dem Unerwarteten ermüdet? Das ist die Kunst. Ein Künstler stellt dar, was sich nicht dekorieren lässt, ohne dass man sich am Außerordentlichen vergreift. Er muss selbst das überbieten. Sein Werk ist die abermalige Inszenierung des Ungezeigten und Ungesagten, eine Antwort auf all die Versuche, die bisher nicht gelungen sind, auch wenn es diesen Bezug sich nie eingestehen und zudem nicht sehen will, dass es selbst schon wieder als eine Art überschüssiges Angebot verstanden werden kann, die Erwartung hin zur nächsten Meisterleistung zu öffnen. Indem es alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, weist es von sich weg.

Vor Mut gewarnt, zur Warnung ermutigt

Es ist nicht die Zeit, in der die Ermutigung den Vorzug erhält vor der Warnung. Aber sie wäre der Anlass zu zeigen, was eine bestärkende und stützende Politik vor allem ist, die nicht nur den Mut der Regierung herausstreicht, sondern Herz, Entschlossenheit, Schwung und Lebenskraft der Bürger sensibel fördert. Und die nicht Ängste schürt, sondern Vertrauen schenkt, nicht jede Gelegenheit ergreift, sich in ihren Leistungen zu rühmen, sondern die Eigenverantwortung und Fürsorge sich selbständig entwickeln lässt und nur dort regulativ eingreift, wo sie, nicht zuletzt finanzielle, Voraussetzungen schaffen kann, in denen ein Geist der Initiative, der Wachsamkeit, der Klugheit und der Freiheit gedeiht. Warnung vor allen gutgemeinten Formen der Vormundschaft und Ermutigung zur Klarheit über jene Augenblicke, in denen Zurückhaltung Besseres bewirkt als eine wohlwollende Intervention: das könnte das Leitmotiv einer überlegenen Krisenpolitik sein.

Schnutenpulli

Die Maske, die in Friesland schon verniedlicht ist zum Schnutenpulli und bei frischer Brise auch weniger stört, sorgt für Irritationen vor allem im Feld der Bekanntschaft. Was zwischen Liebenden und Freunden, die miteinander so vertraut sind, dass der Ausfall von Wahrnehmungsmerkmalen in der Mund- und Nasenpartie nicht das Gesamtbild irritiert, durch die Vorstellung ersetzt wird, fällt in Gelegenheitsbegegnungen auf. Hinter Baumwollgewebe oder Nonwoven-Materialien verbirgt sich die Miene, so dass es schon schwerer wird, nicht nur den Gesichtsausdruck zu lesen, sondern überhaupt zu erkennen, um wen es sich handelt, wenn die Erinnerung an den anderen visuell nicht scharf genug ist. Ob es sich wirklich um ihn handelt? Die Pflicht zum Tragen der Bedeckung erlaubt nicht, den Stoff zur Enträtselung zu entfernen und (das) Gesicht zu zeigen. Es müssen schon andere Zeichen gesetzt werden, die das Wiedererkennen erleichtern. Was ist es, das im Gedächtnis haften geblieben ist: die Stimme, der Geruch (was zu prüfen die Abstandsregel verhindert), der Gang, die Frisur? Solche Fragen führen zur eigentlichen Verblüffung: wie viele Ähnlichkeiten und äußerliche Stereotypen wir uns leisten, von der Kombination aus blauer Jeans und schwarzem T-Shirt bis zum Haarschnitt mit Hipsterscheitel, und wie arm das individuelle Unterschiedsbedürfnis ist im Zeitalter der Egomanie und des Narzissmus.

Dafür habe ich kein Verständnis

Eine Sache erklären bedeutet, sie in ihren Abhängigkeiten darstellen. Das heißt aber noch lang nicht, dass man sie versteht, geschweige denn dass man für sie Verständnis aufbringt. Was ist der Unterschied? Wo für eine Erklärung Gründe ausreichen, sind zum Verständnis Beweggründe nötig. Hier geht es um Verhältnisse, über die sich etwas erschließen lässt, dort um Beziehungen, die ausschließlich gelten und als deren vornehmste sich die herausstellt, die man selbst zur Sache pflegt.

Ab in die Ferien

Jede Urlaubsreise startet mit der Erwartung, erneuert und verändert, mithin als ein anderer zurückzukommen, und endet in der beruhigenden Gewissheit, dass es so weit nicht kommen musste. Erholt zu sein bedeutet, zu sich sich selbst und dem Eigenen ein entspanntes Verhältnis wiedergefunden zu haben. Was sich da nicht mehr eingliedern lässt, mag Anlass geben, es mit den zuverlässig zurückgekehrten Kräften umzuwandeln.

Mit dem Virus leben

Es ist ein schmaler Grad zwischen dem Leben, das ein Virus bedroht, indem es den Organismus eines Individuums befällt, und jener anderen Lebendigkeit, die gefährdet ist, weil sich der Organismus einer Gesellschaft zu schützen versucht vor Ansteckung, indem er die Distanz zum verpflichtenden Ideal des Umgangs miteinander erhebt. In beiden Risiken zeigt sich immer deutlicher, worauf die Welterkrankung zielt, die medizinisch „Pandemie“ heißt, aber mehr ist als ein ärztliches Phänomen: auf Abspaltung, Trennung, Vereinzelung und Einsamkeit.

Streiten lernen!

In einer Gesellschaft, die das Streiten verlernt hat, weil sie dessen Formen und Voraussetzungen nicht beherrscht, bilden sich Verachtung, Intoleranz, Hass und Pöbelei aus und reklamieren für sich das moralisch überlegene Recht des Guten. Solche abfälligen Reaktionen können zuverlässig mit der Hilflosigkeit derer rechnen, die kaum noch ahnen, welche Schönheit und Befreiung in einer klugen Auseinandersetzung stecken. Nur keine Unruhe! Das ist das Leitmotiv jener Harmoniebedürftigen, die Einseitigkeit nicht für die notwendige Begleiterscheinung einer wohlüberlegten streitbaren Position halten, sondern für einen Frevel an der Vielgestaltigkeit der Welt. Ihre intellektuelle Geräuschlosigkeit solidarisiert sich allzu rasch mit dem Krawall, der die Provokation, die durch nichts als den klaren Gebrauch von Vernunft entsteht, höhnisch niederbrüllt, eine Herausforderung, die schon deswegen als unvernünftig gilt, weil sie – seltsam zu sagen – zur Reflexion reizt. Die Sache wird sofort persönlich genommen; man scheint nichts mehr zu wissen von der Überzeugungskraft triftiger Gründe. Der allzu laute Widerspruch wird mit vorauseilendem Gehorsam kleinlaut beantwortet durch Zurückhaltung im Denken.

Der Moment, in dem wir die Frage schätzen

Um den Wert einer Frage zu ermessen, kann es sinnvoll sein, sie nicht nur als dienstbaren Verweis auf eine Antwort aufzufassen. Sondern umgekehrt jede Antwort auch zu verstehen als jenen Akt, der eine Fülle neuer Unklarheiten aufwirft. Die Frage als Folge der Antwort zu sehen, ist mindestens so interessant, wie eine Erwiderung in ihrer konsequenten Beziehung zur Forderung zu betrachten, dass sie eine offene Situation schließt. Fragen verstören, Antworten beruhigen. Manchmal ist es anders: Antworten verengen, Fragen befreien.

Behördenreform

Vielleicht wird es zur wichtigsten Behördenreform jenseits von Stellenverlagerungen und Büroschließungen, Strukturumbauten oder Verwaltungsneuordnungen nie kommen: der nämlich, die aus einer Administration des institutionellen Misstrauens gegenüber dem Bürger ein Amt macht, an das er sich gern wendet, weil es zuverlässig keiner anderen Aufgabe nachgeht als der Dienstleistung in allen staatlich verursachten Angelegenheiten. Es ist nur eine Utopie: die Behörde prinzipiell als der Ort, an dem der Bürger entlastet wird.

Zweckfrei

Zwei Fragen, die sich gegenseitig entlasten: Der Zukunftsgerichtete will wissen, wozu eine Geschichte gut ist, und muss nicht erforschen, warum sie entstand. Der Vergangenheitsinteressierte braucht keine Rechtfertigung der Zwecke, wenn er nur die Ursache kennt.

Ein anderer sein

In nichts ist der Mensch so sehr er selbst wie in dem Wunsch, ein anderer zu ein.

Mir fehlen die Worte

Jeder Gewaltakt ist ein Gedanke, der vergeblich um seine Fassung in Worten gerungen hat. Das hat er mit der Liebesgeste gemein. Aus Mangel an Sprache entstehen die schrecklichsten und die schönsten Augenblicke der Welt. Bis das eine Wort gefunden ist, das, weil es alles sagt, sich von der Tat nicht mehr unterscheidet, und dennoch nicht unausgesprochen bleiben darf, weil nur so geschieht, was geschehen muss. Aber das lässt sich nicht mehr nur denken.

Entschuldigung

Der Narzissmus der Vergebung glaubt, ein Vergehen sei schon in Ordnung gebracht, wenn man sich entschuldigt hat. Dass mit dem beiläufigen Ausruf „Sorry!“ kein Reparaturmechanismus einsetzt, der die Sache selbstredend zurechtrückt, sondern die Bitte implizit ausgesprochen wird, es möge Verzeihung gewährt werden, missversteht jener, dem auch sonst alles „kein Problem“ ist. Und der in Wahrheit meint: dein Problem! Verstimmung und Verwunderung erntet, wer Verantwortung einfordert und eine platte Rechtfertigung erhält: „Aber ich habe mich doch entschuldigt – ? “ Als ob das Wort „Entschuldigung!“, das vorgibt, für den Fehler geradezustehen, die Haftung ersetzen könnte. In einer Welt des selbstbezogenen Umgangs bezeichnet die Entschuldigung nur den Augenblick, von dem an einer glaubt, mit den Folgen des Patzers nichts mehr zu tun zu haben. Entschuldigung, müsste man erwidern, aber so läuft die Chose nicht.

Hilfe, Verschwörung

Jede Verschwörungstheorie ist zunächst ein Hilferuf aus der Erklärungsnot.

Was willst du wirklich?

Der erfahrene Gesprächspartner entdeckt in den Worten seines Gegenübers genau jene Fragen, die nicht ausdrücklich gestellt werden, und ist klug genug, sie zu erwidern, ohne seine Rede als Antwort zu markieren. So wird das Gefälle vermieden, das jedes Ersuchen in die Nähe eines Bittakts rückt und jede Entgegnung als heimlichen Machtgestus kennzeichnet. Frei von Fragen zu sein bedeutet, an der Welt nicht teilhaben zu wollen; aber oft ist Freiheit die Folge eines fraglosen Umgangs mit ihr.

Moralapostel

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Maß an Böswilligkeit für eine gute Sache gestritten wird.

Schöne Seiten

Das Gespür für Schönheit ist eines der Talente, die keine Einseitigkeit dulden. Wer seinen Geschmack gefunden und ausgebildet hat, wird ihn in der Musik, der Architektur, der Mode, der Kunst gleichermaßen, nicht zuletzt in der Natur stilsicher einsetzen. Jeder, der vom Schönen einmal sich hat ernsthaft ansprechen lassen, kann nicht ungerührt vorbeigehen, wenn er einen attraktiven Menschen sieht, lässt sich anziehen von der Anmut wohlgesetzter Worte, findet selbst in der mathematischen Formel oder einem Spielzug auf dem Fußballrasen noch die Brillanz einer einfachen Lösung. Das Schöne ist weltverbindender als das Gute oder gar Wahre.