Gartenarbeit

Die Vorliebe des Philosophen für den Garten und das Gärtnern, die seit Platons Gründung der Akademie in einem Olivenhain verbürgt ist und mit Voltaires Schlusspointe im „Candide“* weltberühmt wurde, hat einen einfachen Grund: Hier wie dort, in der Philosophie wie in der häuslichen Grünanlage gibt es keinen Fortschritt. Kultivieren und Denken meint dasselbe – immer wieder von vorn zu beginnen.

* „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden.“

Dreimal Liebe

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

Still lagen sie nebeneinander, erschöpft von den Zärtlichkeiten, die sie einander geschenkt hatten. Er lauschte ihrem Herzklopfen, dem tiefen Atmen, dem rhythmischen Auf und Ab ihrer hellen Brüste und drückte sich fester in ihre Umarmung.
„Weißt du, eigentlich bin ich ein sehr genügsamer Mensch“, sagte sie unversehens.
„Das habe ich schon bemerkt“, gab er zur Antwort.
„Ich brauche kein Haus, kein Auto, kein teures Smartphone, keinen Kleiderschrank Weiterlesen

Wie geht es dir?

Man weiß immer sehr viel genauer, die eigene Stimmung zu benennen, wenn man sich in schlechter Verfassung sieht, als in den glücklichen Momenten. Die ehrlichste Antwort des Vergnügten auf die Frage: wie geht es dir?, kann nur lauten: Keine Ahnung. Nichts gibt weniger Anlass, sich mit sich zu beschäftigen, als das Wohlbefinden.

Kenntnisreich

Einen Menschen kennen meint, immer wieder davon überrascht zu sein, dass einen nichts überrascht, was man zu sehen und zu hören bekommt. Das ist grundverschieden von der Weise, wie wir Dinge kennen.

Fremd

Schon durch die Nennung bleibt „fremd“ nicht mehr fremd. Es hat sich eingefügt in die vertraute Grammatik einer Sprache, gerät unversehens durch die Beschreibung, was es denn nun genau sei, das da unbekannt und ungewohnt sich präsentiert, in die eigene Diktion. Das Denken bemächtigt sich des Fremden und schafft es in dem Maße, wie es sich systemisch gibt, die Unterscheidung zwischen dem Innen, dem Zugehörigen, und dem Außen, dem Sperrigen, als eine Differenz des Innen selbst aufscheinen zu lassen. Wir lesen das, wir reflektieren es, wir können es nicht anders ausdrücken – und wissen doch, dass es nicht stimmt.

Person und Werk

Niemand widerspricht dem Satz, dass der Mensch nicht auf seine Taten reduziert werden dürfe, stärker als der Künstler. Und keiner lebt von dieser Unterscheidung mehr als er. Denn jedes neue Werk entsteht aus der tiefen Verzweiflung, dass wieder nicht gelungen war, sich im eigenen Schaffen ganz und gar zu verkörpern.

Heilsame Unterbrechung

Im Gespräch mit der „Wirtschaftswoche“ zur Psychopathologie des digitalen Alltagslebens: „Das ,Es‘ der digitalen Technik hat sich, psychoanalytisch gesprochen, an die Stelle des ,Ich‘ gesetzt. Die Faszination des Digitalen beruht ja darauf, dass wir zum Medium der Technik werden können und dadurch ihre Vorteile genießen, anstatt umgekehrt die Technik zu unserem Medium zu machen. Das könnte man die vierte der großen Kränkungen der Menschheit nennen: die digitale Kränkung.“ Mehr hier …

Freund, Feind

Es gibt Freundschaften, die sich als gepflegte Feindschaften darstellen. Umgekehrt ist das nicht möglich.

Mehr loben, besser schmeicheln

Das ideale Interview beginnt mit einer ausgedehnten Lob- und Schmeichelrede auf den Gesprächspartner, die genau so lang dauert, bis dieser beginnt, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Betrug durch Grammatik

Selten wird grammatikalisch heftiger betrogen als in dem Satz: Ich warte. Was ist das für ein „Ich“, das sich selbst zum Passiv verdammt, sich zurücknimmt bis zur Selbstaufgabe, in eine Halteposition einzwängt. Alles, was ein Ich auszeichnet: Gestaltungswille, Entschiedenheit, Handlungslust, wird im Warten versteckt hinter moralischen Größen wie der Geduld. Die Wahrheit ist indes, dass in den meisten Fällen Menschen unfreiwillig warten, verlegen in der Beschreibung ihres Loses: Wer wartet? Ein Ich, das sich nicht auszusprechen wagt, weil es sich zum Verharren meist nicht entschlossen hat. Warten ist ein Zustand, der kein Personalpronomen verdient.

Spiel mit dem Feuer

Das „Spiel mit dem Feuer“ ist metaphorisch der Ort, an dem die Sprache der Wirklichkeit am nächsten kommt.

Boden unter den Füßen

Es ist eines der größeren metaphorischen Missverständnisse zu glauben, es gebe ein himmlisches Glück. Im Gegenteil. Glück hat mit Erdung zu tun, ist ein anderer Name für Erträglichkeit und Getragensein. Seine schönste Bestimmung: Es ist so viel möglich, weil immer noch mehr selbstverständlich ist.

Nur nichts verpassen

Wann der Urlaub gelungen ist? Wenn wir wieder verstehen, wie viel wir versäumen, wenn wir meinen, nichts versäumen zu dürfen.

Die alte Alternative

Was den Menschen früher die Ur-Alternative gewesen ist, die zu beachten ihnen das Leben gerettet hat: zu erkennen, wann ein Angriff sinnvoll und wann Flucht geboten ist, findet sich wieder in der Differenz zwischen Leidenschaft und Gleichgültigkeit, dem Unterschied zwischen Neugier und Desinteresse. Mit nichts lassen sich tiefe Ängste leichter überwinden als mit leidenschaftlicher Neugier.

Eins, zwei, uneins, entzweit

Seltsam, dass wir Menschen uns so oft einig sind in dem, was wir ablehnen, und nicht selten zerstritten in dem, was uns verbindet.

Die Banalität des Business: Wo am Ende nur die Einnahmen zählen, kommt alles darauf an, den gemeinsamen Nenner zu finden. In Verona locken globale Fragen in die Lokale

Das ideale Leben

Die ideale Lebensform: Es glückt. Was Freud zum Kernsatz seiner Psychoanalyse erhebt: dass das Ich die Ansprüche des Es konstruktiv begrenzen soll, verkennt die Tiefendimension dessen, was nicht bloß subjektiv und bewusst, triebgesteuert oder chaotisch ist. Nicht Herrschaftsverhältnisse bestimmen das Gelingen des Daseins, sondern Stimmigkeiten. Was ist befriedigender als ein Augenblick, in dem das Ich zurücktreten kann und nicht einschreiten muss, weil es läuft?

Stein auf Stein

Der wichtigste Werkstoff beim Bau eines Hauses: langer Atem.

Entkoppelung

Es steckt eine gehörige Portion Romantik im Gebrauch der alten Drohung, dass die Strafe auf dem Fuße folge. Wo die Konsequenzen sich von den Handlungen gelöst haben, durch die sie heraufbeschworen wurden, lässt sich Verantwortung nicht erleben. Was nützt es, Grenzen (etwa des Eingriffs in die genetische Struktur menschlicher Embryonen) aufzuzeigen, wenn unmittelbar deutlich ist, dass die Sache viel zu komplex ist, um Effekte zurückzuführen auf eine Manipulation des Erbguts. Tun-Ergehen-Zusammenhänge stammen aus einer Welt, die sich Abhängigkeit noch vorstellte als Verhältnis von Ursache und Wirkung. Bevor nach der Ethik gerufen wird, gilt es die Theorie zu überdenken, nach der Folgen zu beurteilen sind.

Große Verbote

„Es gibt kein großes Glück ohne große Verbote“, so stimmt Robert Musil sein Hohelied an auf die Grenze, die es zu achten und zu überschreiten gilt, gleichermaßen.* Was aber ist mit dem kleinen Glück der Zeitgenossen, jener scheinelitären Form des gelingenden Lebens, die sich irgendwo zwischen den Staudenblüten eines städtischen Natursteingartens, dem Genuss von Edel-Gin aus der einheimischen Hof-Destillerie und der heimlichen Verachtung von Hornbrillen aus dem 3D-Drucker einfindet? Es braucht keine Verbote und keine Regel, weil es sich weniger aus der Nichtachtung einer Norm nährt als aus dem Gefühl einer Besonderheit, die schon deswegen keine ist, weil sie zum Kult geworden ist. Das Ästhetische ignoriert die Grenzen nur, die das Moralische noch einreißen musste.

* Der Mann ohne Eigenschaften, Kap. 106

Quelle aller Querelen

Der Grundkonflikt, auf den sich der Ärger, den Menschen einander zufügen, zurückführen lässt: der eine will ständig darüber reden; der andere würde am liebsten über alles schweigen.

Heute so, morgen so

Das Talent zu schnellen Entscheidungen ist oft nichts als die Unfähigkeit, feste Bindungen einzugehen.

Hierarchien für Flachköpfe

Befreit von den Verkrustungen formaler Hierarchie glauben viele Organisationen, auf Rangordnungen ganz verzichten zu können. Flache Strukturen, das einheitliche Du als Zeichen entspannter Kommunikation, der Verzicht auf den strengen Dresscode, eine offen gestaltete Büroarchitektur, die Arbeit in sich stets neu formierenden Netzwerken, ein paar Tischkicker im Hinterzimmer, bunte Besprechungsnischen vom Möbeldesigner, die italienische Siebträgermaschine für den fair gehandelten Espresso – und schon ist das agile Unternehmen ideologisch fertig gezimmert. Dumm nur, dass sich informelle Machtspiele in dem Maße schneller ausbilden, wie auf die äußeren Unterschiede zu achten verzichtet wird. Jede Hierarchie, das wird unterschlagen, ist eben auch eine Entlastung von der Frage, wie man aushandelt, wer stärker ist.

Im Griff des Großmauls

Warum siegt Frechheit? Der Vorteil der Chuzpe ist ihr Vorsprung. Indem sie die Gleichräumlichkeit einer Kommunikation überraschend aufkündigt und sich auf ein tabuisiertes Niveau begibt, kann sie schnell handeln, ohne fürchten zu müssen, eingeholt zu werden. Der Erwiderung verbietet es sich, mit ähnlichen Mitteln zurückzuschlagen, so dass sie eingeklemmt ist zwischen der Pflicht zur Antwort und dem Abscheu vor der Wortwahl. Während sie so noch mit sich selbst beschäftigt ist, hat sich die Dreistigkeit längst aufgemacht zur nächsten Attacke.

Kunst der Anarchie

In einem Rechtsstaat ist Anarchie die Gefahr schlechthin – und zugleich seine Rettung als einer Institution, die sich lebendig entwickelt. Sie beginnt immer als Anarchie der Sprache, die sich um Logik nicht schert, Stilformen verachtet und deren Grenzen durch obszöne Provokationen austestet. Da erst aber unterscheidet sich Qualität von Banalität. Allzu viele Zweideutigkeiten sind eben nichts als eindeutig und wirken allenfalls beleidigend, zudringlich, platt. Nur wenigen gelingt das Spiel mit der Empörung so, dass es das Niveau emporhebt.