Todesanzeige

Eine Beobachtung: Die interessantesten und lustigsten Geschichten über Menschen werden auf Beerdigungen erzählt. 

Politik des Ressentiments

Eine Hoffnung im Flüsterton: Es ist zu viel Groll gegenüber den Mächtigen in der Partei, die sich alternativlos als Alternative versteht, um sich mit der Macht anzufreunden.

Das Niveau der Kritik

Die schärfste Kritik an Positionen ist immer noch ein Inhalt, der sie überflüssig macht. Nirgendwo ist der Widerspruch und dessen Überlegenheit größer als in jenen Darlegungen, die anderes schlicht ignorieren lassen.

Wählerwille

Mehr als den Wähler zu gewinnen, ist die höchste Aufgabe der Politik, die Wirklichkeit nicht zu verlieren.

Über die Stränge

Das Schicksal der modernen Wirtschaft ist, dass alle Neuerungen, Erfindungen, alles Schöpferische und Produktive nur mit einer grundsätzlich positiven Einstellung zu dem gelingt, was früher verachtet und verdammt wurde als Maßlosigkeit. Es ist den Tugendhaften nicht vergönnt, die eigenen Grenzen zu sprengen. Vielleicht muss man akzeptieren, dass Erfolg und die klassische Vorstellung von Anstand einander strukturell widersprechen.

Politik als Beruf

Der Berufspolitiker ist ein Wesen, das mehr als andere aus Antworten besteht, zu denen er die Fragen verloren hat, auf die sie einmal reagiert haben.

Genderfrage

Seltsam, dass die Feigheit, die grammatikalisch weiblich ist, ein durch und durch männliches Defizit darstellt. Oder wie heißt der fehlende Mut, mehr noch: diese spezifische Mixtur aus Hasenherzigkeit und Verschlagenheit, Angst und Durchtriebenheit bei Frauen?

Die Grenzen der Freiheit

Es ist ein populärer Standardsatz, dass die Grenze meiner Freiheit die Grenze der Freiheit des anderen bedeutet. Was sagt er, außer dass sich Freiheit nur als gemeinsame verstehen lässt? Viel klarer, aber schwerer zu leben ist die Vorstellung, es gebe ein inneres Maß von Freiheit, das sie leitet und gelegentlich nötig, von ihr keinen Gebrauch zu machen, obwohl man es könnte. Was sollte das sein: Liebe, Respekt, Verantwortung, Wahrheit, Barmherzigkeit? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich, was Souveränität meint.

Wie du mir

Es ist wahrscheinlich eine der größten Seelenleistungen, es so weit zu bringen, dass die eigenen Haltungen und Handlungen unabhängig sind vom Verhalten, das andere zeigen. Tief im Innern wohnt ein Ausgleichsbedürfnis, das nach dem Prinzip sich richtet: Wie du mir, so ich dir. Davon frei zu sein, nicht nach Rache oder Bestrafung zu sinnen, sobald ungerechtes oder gar gehässiges Tun die Einstellung zu dem beeinflussen wollen, von dem es ausgeht, ist nicht nur ein Akt der Selbstdisziplin. Es geht um mehr: diese Freiheit ergibt sich aus der Einsicht, dass zwar nicht jeder liebenswert sein mag, aber Liebenswürdigkeit nie im letzten zerstören kann. Sie ist so unantastbar, wie es dem zugeschrieben wird, was so sinnreich wie rätselhaft „Würde“ heißt.

Unterschätzte Qualen

Die am meisten unterschätzte unter den Luxusqualen: hungrig kochen.

Das Bessere ist nicht binär

Aus einer Sonntagslektüre

„Die Demokratie hat sich das Denken und Entscheiden in Binaritäten nicht nur zur Gewohnheit gemacht, zur Tugend hat sie es sich entwickelt lange, ehe die Computer es zu nutzen begonnen haben, um alles Störende – das Störende kann man auch als das Kreative, Originelle, Eigenständige, als das Unbequeme bezeichnen – aus ihren Operationen auszuschließen. Das Störende zu dem (einen) Einen, das, was weiter führt, ist aber nicht das (andere) Andere. Es ist ein Weiteres, jenseits Ja/Nein Gelegenes. Es kann auch ein Zögerndes, Einhaltendes sein, ein Zweifelndnes. Oder ein Verqueres, Unbequemes, von Ausmaß und Folgen her noch nicht Abzusehendes. Spinniges und Lächerliches, welches sich aufgenötigten Entscheiden zwischen Ja und Nein, diesen Exempeln von Wahl in der Freiheit des Volkes, widersetzt und ein Weiteres, Neues in die Routine einbringt.“*

* Aron R. Bodenheimer, Plädoyer für die Unordnung, 291f.

Zwei Immunsysteme

Das Immunsystem der schlechten Laune ist nicht stark genug, um dauerhaft zu schützen vor der Ansteckungsgefahr durch Freundlichkeit, Liebe oder herzerfrischendes Lachen. Umgekehrt sind die Abwehrkräfte der guten Laune bestens gerüstet wider Missmut, Verdrießlichkeit und üble Stimmung. Du kannst eher einen Miesepeter dazu bringen, Lebensfreude zu spüren, als umgekehrt die Heiterkeit durch Gereiztheit in die Knie zu zwingen.

Botschafter des guten Geschmacks

Eine der beliebtesten Gesprächsthemen in kleineren Runden am Abendtisch nach dem Essen ist der Austausch von Rezepten oder die Erfahrung mit bestimmten Restaurants. Beim Essen wird übers Essen geredet, doch nicht von dem, das gerade serviert worden ist. Warum? Wahrscheinlich sorgt die Befreiung von der Funktion, Nahrung aufzunehmen, für das Gespür, es als kulturelle Geste zu verstehen, als Feier des guten Geschmacks und der beseelten Gemeinschaft, wie es in der Gastrosophie gang und gäbe ist. Man versichert einander, zu würdigen zu wissen, was die Zunge fein genossen hat. Sie, die Weisheit des Magens, verlangt Kennerschaft über das Mahl hinaus, von der präzisen Identifizierung des Jahrgangs erlesener Weine bis zur trendigen Gebrauchsanleitung japanischer Gemüseschneider. Es war Nietzsche, der die Tischkultur als Unterschiedsmerkmal der Gebildeten unter den Verehrern des Geschmackssinns boshaft kennzeichnete: „Durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden.“*

* Jenseits von Gut und Böse, § 234

 

Apocalypse Now

Das Staunen und Erschrecken über die Geschwindigkeit, mit der selbstlernende Systeme sich im Alttag festsetzen, verwandelt die Frage, ob und wann künstliche Intelligenz Menschen substituieren, in die Gewissheit, dass sie längst erfolgreich ihr Werk vollzieht. Was sollte eine Maschine auch sonst tun, als im Maße ihrer Perfektionierung abzuleiten, es sei der nicht mehr nötig, dem sie ihre Existenz „verdankt“. Offen ist allenfalls, wie rücksichtsvoll sie dabei vorgeht. Es ist nicht auszuschließen, dass die technische Vervollkommnung (um die moralische Kategorie „Rücksicht“ zu übersetzen in funktionale Fähigkeiten) am Ende dafür sorgt, dass der Moment, da die Maschine des Menschen nicht mehr bedarf, der noch meinte, die Maschine zu brauchen, überhaupt nicht erkennbar ist. Diese Apokalypse ist nichts, was sich erfahren lässt, sobald der Unterschied zwischen künstlich und natürlich gefallen ist.

Gastliebschaft

Neben der Gastfreundschaft, die die Anwesenheit von Fremden nutzt, um ihnen ein Gefühl von Vertrautheit und Heimat zu schenken, gibt es eine romantisierte Vorstellung von der Gegenwart anderer im Eigenen. Man könnte sie Gastliebschaft nennen, die von der Möglichkeit, Besuch zu bekommen, genau so lang schwärmt, wie er noch nicht eingetroffen ist. Selten, dass sich daraus jene Zuneigung entwickelt, die mit ausgebreiteten Armen willkommen heißt.

Die Lüge der Bilder

Das ist nicht immer wahr, dass ein Bild mehr sage als tausend Worte. Gewiss aber ist, dass manipulierte Bilder heutzutage besser lügen, als es Worte je könnten.

Die Paradoxie des Alterns

Es ist das Paradox des Alters, dass in dem Maße, wie die Erinnerungen zunehmen, das Gedächtnis nachlässt.

Entfremdung

Taktieren, das ist für den Politiker der Kampf um Macht für seine Inhalte.
Taktieren, das ist für den Bürger der Kampf um Macht statt um Inhalte.

Umstieg

Auf dem Weg nach Norden Umstieg in der Bischofsstadt. Am Bahnsteig warten Menschen in grellbunten Schlaghosen, als seien die Siebziger Jahre gerade angebrochen, die Lautsprecher der portablen Musikanlage am Anschlag. Alte Gassenhauer bringen die Menge in Stimmung für das Schlagerfestival in der Hansestadt. Von der gegenüberliegenden Seite dröhnen auch Lieder, Vereinshymnen, Anfeuerungsrufe, laute Sehnsüchte nach einem Erfolg im abendlichen Finale in der Hauptstadt. Alles ist ins teuflische Rot gehüllt. Der Pokal soll nach Hause geholt werden. Es ist ein friedlicher Kampf um die Dominanz der Vorlieben. Doch plötzlich vereinigen sich die Stimmen. Die Melodie, die gerade aus dem Rekorder kommt, kennt man hier wie dort; sie untermalt einen bekannten Schlager und den Fangesang gleichermaßen. Selbst die Texte finden zueinander. Für den Augenblick von ein paar Sekunden singen wildfremde Menschen, Schlagergroupies und Fußballanhänger, mit einer Stimme. Das irritiert beide Gruppen so sehr, dass es fast still wird am Bahnsteig und die Ansage wieder zu verstehen ist: Beide Züge, so heißt es, haben Verspätung. Es ist diesmal kein Stimmungskiller.

Große Worte, nichts dahinter

Große Reden kommen immer aus ohne große Worte.

Regelungswust

Gegen übermäßige Bürokratie lassen sich, nicht zu unterschlagen, auch ästhetische Gründe vorbringen. Je einfacher ein Regel- und Gesetzeswerk, desto schöner erscheint es nicht nur, in sprachlicher wie gedanklicher Hinsicht. Es ist so auch wirkungsvoller.

Chic, chic

Aus mancher Begeisterung, die der Theaterszene oder einem Opernhaus, diesem Galeristen oder auch nur der Kunst im allgemeinen entgegengebracht wird, lugt das Seelenloch hervor, das sie als Fassadentechnik grell bedecken soll. Kunst, die das Äußere und Äußerste feiert, degeneriert so zum Äußerlichen.

Urteilsschelte

Erstes Urteil: Er wünschte sich Gerechtigkeit. Und bekam recht.
Zweites Urteil: Er wünschte sich Gerechtigkeit. Und bekam Recht.

Was ist Kultur?

In der kurzen Pause zwischen erster und zweiter Halbzeit meldet sich plötzlich der Jüngste mit der schweren Frage: „Was ist das: Kultur?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Der Reporter redet immer so komisch und sagt: Spielkultur.“
Hoffentlich pfeift der Schiedsrichter gleich die noch ausstehende Hälfte an, denkt der Ältere, dem auf die Schnelle keine passable Antwort einfällt. Er besinnt sich auf den Worturspung: „Kultur ist alles, was du pflegen musst, verstehst du? So ein Zusammenspiel entsteht nicht von allein. Das muss täglich trainiert werden. Gepflegt halt. So entsteht sie.“
Die Erwiderung lässt offenkundig zu wünschen übrig. „Also alles, was sich üben lässt, ist Kultur?“
„So leicht ist es auch wieder nicht. Du kannst auch Unkulturelles einstudieren. Schlechte Essensmanieren entstehen so. Wenn du zum Beipiel dauernd auf dein Telefon starrst, während wir reden, dann ist das stillos, unhöflich. Du hast keine Kultur. Und vieles, was kulturell heißt, lässt sich gar nicht erarbeiten.“
„Das verstehe ich nicht …“ Und einen kleinen Augenblick später: „ … “
Die zweite Hälfte hat gerade begonnen. Die Mannschaften kämpfen noch verbissener um den letzten Platz im internationalen Wettbewerb, der zu vergeben ist. Der Ältere hört gar nicht mehr, was gesagt worden ist, und schaut gebannt auf Spielzüge, Torgelegenheiten und flinke Tricks.
„Ich hab‘s.“ Der Jüngste zupft am Ärmel. „Dass du lieber zuguckst, statt mit mir zu reden, das bedeutet, dass du keine Kultur hast. Stimmt‘s?“
Der Ältere fühlt sich im tiefsten ertappt. „Ja, leider. Das ist es.“