Grenzüberschreitung

Aus dem noch ungeschriebenen Roman:

Er strahlte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal wieder nach langer Abwesenheit. „Ich liebe dich. Grenzenlos“, sagte er im Überschwang. Sie trat einen Schritt zurück. Für einen Moment huschte ein Schatten über ihr Gesicht. „Sag das nochmal.“ Er setzte an, dachte, dass ihr die kleine Schmeichelei gefiele: „Ich …“ Da unterbrach sie ihn schon: „Grenzenlos? Weißt du, was das ist: grenzenlose Liebe?“ Ihm schwante, dass er nun, wie so oft, ihren Reflexionsschwall über sich ergehen lassen musste, tausende von Wörtern, wirre, manchmal brillante Gedanken, Sätze aus Zweifeln gebaut, Assoziationsketten, die in ihrer Fülle nur zeigen wollten, dass sie Argumente nicht mehr nötig hatte. „Alles, was grenzenlos sein will, riskiert seine eigene Wirklichkeit, seine Identität. Das gilt für Ideen, Organismen, Organisationen, Staaten und, natürlich, auch für die Liebe. Du kannst nicht mit jedem und jeder Weiterlesen

Fehlerintoleranz

Die Maxime, nur keinen Fehler zu machen, provoziert den größten Fehler überhaupt, indem sie Menschen so lähmt, dass sie nicht handeln. Richtlinien und Regulationen sind inzwischen derart detailliert formuliert, dass mit der Verantwortung für ein Tun auch die Bereitschaft verschwunden ist, sich in der Sache zu engagieren. Was der Maschine der eingestellte Automatismus ist, bedeutet dem Mitarbeiter die vorgeschriebene Zuständigkeit. Jenseits davon gibt es keine Spielräume. Die Vorschriften, die verhindern sollen, dass Falsches geschieht, dienen am Ende nur einem Zweck: es nie gewesen sein zu können, wenn ein Prozess schiefläuft. Aus Angst vor dem Tod begehen die Systeme Selbstmord.

Melodie des Lebens

Nicht zu den Melodien müssen die Lebensgeschichten erzählt werden, an die sie erinnern, sondern von der Musik. Die Sprache der Töne ist vollkommener als die Sprache der Worte, wenn es darum geht, Erlebnisse zu Erfahrungen zu verdichten und Erfahrungen zu einer Biographie zu ordnen. Glücklich, wer für die wichtigsten Augenblicke Tonfolgen als Zeugen anrufen kann.

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Der Versuch, im Boardrestaurant des Zugs ein Glas zu erhalten für das gekaufte Pils, wird von der Servicekraft der Bahn abgewehrt mit der Begründung, sie sei nicht zuständig. Einigermaßen irritiert fragt der Kunde, ob sie nicht einfach hinter sich ins Regal greifen könne. „Das darf ich nicht. Ich bin hier nur aushilfsweise eingesetzt.“ „Was ist das denn für eine Form von Unmündigkeit?“ bricht es aus ihm heraus. Die Reaktion der Mitarbeiterin am Tresen lässt nicht lang auf sich warten. „Sie meinen wohl eher Mundigkeit. Oder schmeckt Ihnen das Bier gar nicht und trinken Sie, ohne die Lippen zu benutzen.“ Der Reisende, leicht amüsiert, erwidert: „Wenn Sie nur halb so kundenfreundlich wären, wie Sie schlagfertig sind, wäre ich schon weg.“ „Das wäre schade“, gibt sie ihm zu verstehen. Und reicht ihm das Gefäß. Wenig später läuft sie in ihrer Funktion als Kontrolleurin durch den Mittelgang. „Die Fahrscheine, bitte.“ Sie schaut ihn an. „Und von Ihnen hätte ich gern“; er hat ihr seine BahnCard 100 gezeigt, „auf der Rückseite eine Unterschrift. Nehme an, Sie sind mündig.“

Vertrautes Misstrauen

Vertrauen ist nie das Resultat einer vertrauensbildenden Maßnahme, sondern immer der Prozess, dessen Ergebnis ein Handeln in schönster Selbstverständlichkeit darstellt, ein Dasein in großer Gelassenheit. Es ist nie Ende und Abschluss, sondern stets Anfang und Setzung. Wer nichts riskiert, kann nicht vertrauen.

Ganz und gar

“Soll das alles gewesen sein?“ Die Frage verrät, wie groß die Ernüchterung gewesen ist: Das Ganze soll mehr als „alles“ sein, obwohl es alles ist, was wir ganz und gar erwarten. Man nennt das Sinn.

Sinn und Bedeutung

„Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie?“* Nietzsches starker Satz, der zum Besten gehört, was sich über den Lebenssinn bedeutungsvoll sagen lässt, mag auch in seiner Verkehrung gelesen werden: Hat man sein Wie gefunden, muss man das Warum nicht suchen. So gewendet, formuliert das Wort Entscheidendes über den Sinn in den Dingen, über gutes Design und dessen ästhetisch tragfähige Wirkung. Es gibt eine Gestaltung, die die Dinge so formt, dass sich die Frage erübrigt, ob sie passen.

Nietzsche, Götzendämmerung. Sprüche und Pfeile, 12

Schnee von gestern

Es hilft nicht gegen den Hunger, sich daran zu erinnern, schon einmal gegessen zu haben.

Ich will nicht

Worin wir uns für unfähig erklären, ist meist nichts als die faule Ausrede der Unwilligkeit.

Körpergefühl

Der Körper gehorcht dir im Kleinen genau so lang, wie du ihm im Großen folgst.

Weiter so

Ob Macht auch souverän ist, zeigt sich an ihrer Entschlossenheit, sich selbst ein Ende zu setzen.

Helau

Das Faszinierende an der Maske ist stets die Frage, ob sich hinter ihr ein Gesicht verbirgt. Das Fragliche an einem Gesicht ist die versteckte Furcht, es könnte nur eine Maske sein. Wo nichts dahinter ist, zieht auch nichts an.

Genial!

Disziplin ist die unscheinbarste, aber wichtigste Bedingung von Kreativität. Wer das Außergewöhnliche will, muss das Gewöhnliche – und sich im Gewöhnlichen – beherrschen. Der geniale Geist zeigt, was möglich wäre, indem er es verwirklicht, da er wie kein anderer weiß, was notwendig ist. Jenseits des Normalen kennt er es in seinen Begrenzungen. Diese zu achten ist sein ästhetischer Ernst; ihn auf diese beschränken zu wollen die moralische Verachtung der anderen.

Ganz schön kritisch

Die Krise ist jene Lebendigkeit, die ihre eigene Ausdrucksform noch nicht gefunden hat. Das gilt für individuelle Nöte wie für gesellschaftliche Misslichkeiten. Man löst Krisen nicht; man lässt sie hinter sich oder überwindet sie.

Die Nummer eins

Qualität: das Erste, das Beste.
Quantität: das Erstbeste.

Zum Abschalten

Anfang einer zeitgenössischen Allegorie:

Als es der Langeweile in der Kultur zu bunt wurde, ist sie in die Politik ausgewandert …

Verfehlt

Die gefährlichste Entfremdung zwischen Politikern und den Bürgern, die von ihnen parlamentarisch vertreten werden, ist die Asynchronität. Wenn die Regierung in einer anderen Zeit lebt als das Volk, in ihren Antworten rückständig erscheint, wächst der Druck, die Zeit zu beschleunigen. Revolutionen sind stets Phasen, in denen die Geschichte atemlos wird.

Das böse Wort

Die Faszination der Sprache, ihr Reichtum, ihre Plastizität, ihre Wirkungsmacht, verleitet zu der allzu schlichten Annahme, dass die Änderung eines Worts auch das Problem zum Verschwinden bringt, das sich an einem Begriff entzündet hat. „Wording“ nennt sich dieser Glaube an die Kraft der kommunikativen Kosmetik, ein Zauberwort, das bei Managern und Politikern, Rechtsanwälten oder Beratern, zum festen Bestand ihrer Arbeits- und Lebenswelt gehört. Durch Ausdrucksänderungen und verbale Tabus* wird einer einfachen Magie entsprochen, die in dem Maße effektiv ist, wie man sich tiefe Gedanken darüber versagt, was es wohl sein könnte, das da publikumsheischend funktioniert. Nicht nur gilt: the medium is the message**; es verspricht Heilung in einem Konflikt auch, die Hülse zu wechseln, als ob sich der Charakter einer Schönheit besserte, wenn sie sich die Lippen aufspritzen oder die Lider straffen lässt. Über der Attraktivität der Sprache vergisst man, was an ihr anziehend ist: dass sie nämlich nie nur äußerlich ist oder äußerlich bleibt, sondern über ihre Bedeutungsvielfalt einen Menschen zeigt und durch ihre Wortweite eine ganze Welt zu öffnen vermag.  

* Die Verabredungen für eine Große Koalition enthalten das Verbot, dass die Beschränkung von Zuwanderungszahlen nicht mehr „Obergrenze“ genannt werden dürfe.
** Marshall McLuhan, Understanding Media

Schmerzende Herzen

Aus der Serie „Dialoge, wie sie nicht besser hätten erfunden werden können“

„Ich schicke dir mein Herz“, flüsterte er in sein Smartphone, das er dicht ans Ohr gepresst hielt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung zögerte einen Moment, war dann allerdings so bestimmt, dass es die Umstehenden verzerrt durch die Gehäuseresonanz des Geräts hören konnten. Zu acht warteten sie auf die Einfahrt des verspäteten Zugs in den nächsten Bahnhof, alle im Vorraum vor der ersten Wagentür sprungbereit, den Anschluss gerade noch über einen Sprint durch die Halle zu erreichen. „Du hast doch gar keines mehr, mein Schatz, ist alles schon bei mir; und selbst wenn du noch eines hättest, wärest du es jetzt los. Herzlos säßest du in deinem Abteil.“ Sie lachte kurz auf, von der eigenen Komik gekitzelt. „Du weißt doch, wie ich es meine.“ Erste Anzeichen einer versteckten Verstimmung waren in seiner Stimme zu vernehmen. „Mit DHL oder Hermes?“ rief sie in den Anflug seiner Verstörung. „Haha“, kommentierte er diesen Versuch eines Scherzes, schon schlechter gelaunt. Aber sie ließ sich offenkundig nicht beirren: „Dann könnte ich die Sendung ja verfolgen übers Internet und mich fragen, ob das Haltbarkeitsdatum deiner Liebe die Zustellung überdauert. Bei einer so wertvollen Fracht würde ich übrigens eine Eilsendung mit Rückschein aufgeben. Auslieferung spätestens binnen vierundzwanzig Stunden.“ Die Atmosphäre kippte. Er schwieg. Sie ließ nicht locker. „Was hast du plötzlich? Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Das würde ich erst verstehen, wenn ich die Annahme deines Wertpakets verweigert hätte. So aber … Ist doch echt komisch: von Typen wie dir bekomme ich Tag für Tag das Herz geschenkt; und du wirst alles andere als herzlos. Und den Herzlosen würde man es gern dankend zurückgeben; die aber können damit gar nichts anfangen.“ „Hast ja recht“, murmelte er noch in den quietschenden Zug hinein, der am Bahnsteig hielt. „Die Sprache hat sich an dem Symbol ,Herz‘ verhoben. Und vielleicht wir uns an dem Phänomen.“ Sprach’s, legte auf und stieg aus.

Professionelle Autisten

Ein schlichtes, dennoch wirksames Mittel der Qualitätssicherung ist die Fähigkeit, sich in einen anderen – den Kunden, den Zuhörer, den Patienten – zu versetzen. Ohne dieses empathische Talent ist es nicht denkbar, höhere Ansprüche zu setzen und zu halten. Die Frage, wie es dem Anbieter selber erginge mit dem, was er leistet, produziert, offeriert, entscheidet über das Niveau der Sache. Der Arzt, der durch sich nicht behandelt werden wollte, der Journalist, der seine eigene Sendung zu sehen verschmähte, der Banker, der nie auch nur einen seiner Fonds kaufte, sie alle sind keine seltenen Erscheinungen. Es ist mehr als etymologische Romantik, im alten Wort „Beruf“ oder der Profession jenen Anruf und jenes Bekenntnis zu vernehmen, dem einer aus Überzeugung gefolgt ist. Der Satz: „Ich tue nur meinen Job“ ist kein Ausdruck verborgener Pflicht, sondern das Leitmotiv der professionellen Autisten.

Wo wohnt die Freiheit?

Wenn Freiheit in der Sprache einen Ort hat – und sie sollte dort auch zu Hause sein –, dann lebt sie in der Metapher. Dieses Stilmittel, das dauernd changiert zwischen der Bestimmtheit eines Ausdrucks und der Unbestimmtheit seiner Bedeutungen, bildet ab, ja stellt dar, woraus Freiheit ihre Kraft zieht: aus der Gewissheit, dass bei noch so großer Festlegung immer noch größere Gelegenheiten erwachsen und bei noch so bedrängender Unklarkeit eine immer noch stärkere Entschiedenheit möglich ist.

Fix, und fertig

Vielleicht ist Ungerechtigkeit nichts als ein allzu schnelles Urteil, das wir über andere fällen.

Fass dich kurz

Das Leben in drei knappen Sätzen:
1. „Kein Stress.“ (meist ermunternder Appendix zur Bitte, die eine Sache zu erledigen einfordert);
2. „Kein Problem.“ (oft die Standard-Erwiderung auf einen Dank);
3. „Alles gut.“ (in der Regel abwehrende Floskel nach der besorgten Frage, wie es gehe).

Die feinen Unterschiede

Wie ein Statussymbol funktioniert: Es erklärt die Unterschiede zwischen Menschen für selbstverständlich, indem es die Dinge, auf denen sie beruhen sollen – mein Haus, mein Auto, mein Boot –, für nicht selbstverständlich erklärt.