Wendezeit

Was so harmlos beschwörend „Zeitenwende“ genannt wird, als ließe sich wie bei einer Wendejacke der Stoff einfach von links nach rechts drehen, sobald die Außenseite zu viele Gebrauchspuren aufweist, ist in Wahrheit jedesmal die brutalste Phase im Gang der Geschichte. Denn bevor die Zeit sich wendet, wendet sie sich erst einmal gegen die, die mit der Zeit gehen. Übergang, Transformation, das sind die schönfärberischen Bezeichnungen für einen welthistorischen Abschnitt, der nicht ohne Niederlagen und Untergänge, Aufkündigung oder Demontage sich vollzieht. Es kommt zu Brüchen. Und über Brüche gelangt man nur durch einen beherzten, weil riskanten Sprung*.

* Der marxistische Philosoph Georg Lúkacz hat noch vor Heidegger im Jahr 1911 sich intensiv mit der Radikalität des Existenzdenkens befasst: „Kierkegaard sagte einmal, die Wirklichkeit stehe in keinem Zusammenhang mit den Möglichkeiten, und trotzdem baute er sein ganzes Leben auf einer Geste auf … Die Geste ist der Sprung, mit dem die Seele aus dem einen in das andere gelangt, der Sprung mit dem sie die immer relativen Tatsachen der Wirklichkeit verlässt, um die ewige Gewissheit der Formen zu erreichen. Die Geste ist mit einem Wort jener einzige Sprung, mit dem das Absolute sich im Leben zum Möglichen verwandelt.“ – Die Seele und die Formen. Essays, 63ff.

Das geniale So

Auch wenn sie vom Notenblatt ablesen, spielen große Musiker die Komposition so, als sei sie gerade erst im und für den Augenblick des Vortrags entstanden. Wie umgekehrt die Genialität einer Improvisation sich in der Überlegenheit einer Tonfolge ausdrückt, die sich den Charakter gibt, als hätte sie niemals anders aufgeschrieben sein können. Freiheit und Notwendigkeit legen sich in beiden Fällen kaum unterscheidbar übereinander und bilden jenen gelösten Zwang, dem nur die willige Hingabe, des Künstlers wie des Publikums, zu entsprechen vermag.

Selbstentmündigung

Sobald das Maß derer groß genug ist, die zu ungebildet sind, um der Propaganda von Interessengruppen mit klarer Widerrede entgegenzutreten, ist der Punkt erreicht, an dem eine Demokratie sich durch ihren eigenen Grundsatz, der Gleichheit der Stimmen, selbst gefährdet. Es sind diese Stimmen, die jene an die Macht bringen, welche wenig später das Volk für so blöd erklären, dass man ihm das Wahlrecht entziehen müsse. Am wirksamsten lassen sich diktatorische Tendenzen verhindern durch die Lust am Lernen, durch ungebundene Neugier und den Willen, sich in seiner Naivität aufgeklärt enttäuschen zu lassen.

Das große Ganze

Moderne Gesellschaften und die Organisationen, die in und von ihnen leben, überfordern sich mit dem Anspruch, Würfe und Entwürfe für „das große Ganze“ – nicht zu entwickeln, aber – umzusetzen. Dagegen steht das, was der Soziologe funktionale Ausdifferenzierung nennt, ein Wimmelbild unterschiedlicher und gegenläufiger Aufgaben, die sich stören, ja behindern, dann wieder ergänzen und fördern. Das ist nichts für weitumspannende Pläne, nichts für prinzipielle Problemlösungen, sondern das Szenario, das der Feinstruktur einer überlegenen Strategie würdig ist, die an Komplexität nicht verzweifelt. Der Zeitdiagnostiker formuliert es so: „Eine Gesellschaft tut also, was sie stets tut – sie ist leistungsfähig dort, wo es um konkrete Lösungen geht (und macht dann doch nachgerade unfassbare Fehler), sie ist insuffizient dort, wo es um grundlegende Lösungskonzepte geht (und ist gerade deswegen in ihren unterschiedlichen Funktionen und Logiken so leistungsfähig).“* An Fachkräften mangelt es einer solchen Gesellschaft mindestens genauso schmerzlich, wie es sie einschneidend behindert, wenn ihr Menschen fehlen, deren Fähigkeiten weiter reichen als das Wissen von Spezialisten.

Armin Nassehi, Unbehagen, 91

Musik in meinen Ohren

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

… Draußen, obwohl die Sommermitte zu später Stunde die prächtigsten Farbenspiele am Horizont vorhält, lässt nur noch ein fahler Schimmer zwischen den Häusern am gegenüberliegenden Ufer ahnen, dass dieser Tag schon sehr lang dauert. Der Topf mit dem Curryrest steht ausgekühlt auf dem Herd. Aus einem versteckten Lautsprecherpaar hinter den Stahlträgern des Lofts, die mit schwarzem Bootslack behandelt sind, dringt die Stimme von Rebekka Bakken raukehlig: „And if I have to go“. Alles deutet auf Abschied.
Nur das Gespräch am Tisch will nicht enden. Die beiden haben sich in ihre Themen tief verstrickt und verkeilt, je nach Stimmungslage mal sehr einverständig, dann wieder aufgeregt kontrovers. „Sag mal, wenn du schreibst …“, hebt sie an. „Ja, was ist dann?“ unterbricht er sie, um kurz gedanklich Luft zu holen, bevor es persönlich wird. Er weiß, was kommt. „Also, wenn du schreibst …, hast du das dann irgendwie auch erlebt?“ Das ist die Frage, die ihm immer gestellt wird von Menschen, die hinter die Wörter wie hinter eine Fassade schauen wollen im Wunsch, ihn selbst dort zu treffen. Als ob er wüsste, wer dieser „ihn selbst“ ist und wo er zu finden sein würde.
„Wie man’s nimmt“, sein Lächeln umspielt ein leicht maliziöser Zug. Er spürt es und kann sich dagegen nicht wehren, obwohl er ihr gegenüber nicht einen Hauch von Böswilligkeit empfindet. Im Gegenteil. „Du lebst und erlebst das irgendwie immer. Aber ich bin ja nicht der Protokollant meiner Seele. Es ist alles Fiktion. Deswegen notiere ich über meine Texte gelegentlich Aus dem noch ungeschriebenen Roman. Damit bloß keiner meint, es gebe einen Bezug zur Wirklichkeit. Das ist doppelt und dreifach verklausuliert. Niemand kann zitieren aus dem, was ungeschrieben ist, allenfalls aus Unveröffentlichtem. Der Roman bleibt ungeschrieben, auch wenn ein Stück so tituliert und geschrieben ist. Ist es dann die falsche Überschrift? Nein, aber eine gelegte, falsche Fährte. Selbst unser Dialog im Moment steht unter diesem Motto. Er hat also nie stattgefunden. Und ist dadurch so lebendig. Verstehst du?“
Diese letzte Drehung bereitet ihr Schwindel. Wie soll das gehen: so zu reden, als könne man ihre Sätze mit Händen greifen, jetzt und hier in ihrer Wohnung, und zugleich Teil einer literarischen Einbildung zu sein? Das überfordert sie. „Mich überfordert das auch“, sagt er. „Kennst du The Purple Rose of Cairo? Die Filmkomödie von Woody Allen, als er noch brillant war und man von ihm schwärmen konnte, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Mit Mia Farrow in der Hauptrolle. Da steigt der Schauspieler während der Vorstellung plötzlich aus der Leinwand, durchbricht die berühmte vierte Wand, und beginnt in der Realität, also im Film, mit der Protagonistin eine Liebesaffäre. Oder erinnere dich an diese perfekten Illusionen in den großen Gärten, das Ha-Ha, die Grenzmauer, die in einem Graben versenkt ist, so dass dem Besucher des Parks sich der Eindruck vermittelt, er höre nirgendwo auf. Oder das Perspektiv, ich glaube es heißt ,Das Ende der Welt‘, wo ein Laubengang in eine Tromp-l’oeil-Malerei übergeht, reine Augenwischerei, aber faszinierend inszeniert. So ist es zuweilen mit Worten.“
Sie wird traurig. Den ganzen Abend über hat sie gedacht, dass ihr da ein klarer Kopf gegenüber sitzt, ein wenig verträumt, ab und zu leicht verpeilt, im Grunde jedoch ein ehrlicher, fester Charakter, verlässlich halt. Und dennoch nicht langweilig. Das allerdings, was er eben erzählt hat, wirft sie zurück. Sie will noch nicht aufgeben und die Zensur verteilen, die sie schon öfter vergeben musste in letzter Zeit und die „Wieder nichts!“ heißt, wenn sie mit ihren neugierigen Freundinnen sich austauscht. Aber sie ist skeptisch geworden, zumindest unsicher.
„Was ist?“ fragt er. Er hat gemerkt, dass seine intellektuellen Girlanden ihr vorkommen müssen, als drehe er Locken auf einer Glatze. „Was hast du plötzlich?“ „Nichts“, bricht es prompt aus ihr heraus, was auch bedeuten könnte: Alles.
Ihm fällt auf, dass die Songs inzwischen längst verklungen sind. Kein sentimentaler Jazz mehr aus Hoch- und Tieftönern. Der hohe Raum wirkt plötzlich noch größer, weil es still geworden ist in ihm. „Mir ist das alles ein bisschen zu kompliziert. Das ist das Schöne an der Musik. Sie hat keinen doppelten Boden. Eigentlich ist das meine Art, Worte zu machen. Weniger sprechen, mehr singen.“ „Bei mir ist es umgekehrt“, sagt er leise. „Ich rede und rede und rede in der Hoffnung, auf diese Weise eine eingängige Melodie zu finden, in die man einstimmen kann.“ Die leichte Bedrücktheit hat sich nun auch auf ihn gelegt. Beide fragen sich heimlich, wie sie da heute noch herausfinden. „Komm!“ sagt sie unvermittelt. „Lass uns spielen.“ …

Die Kampfeslust der Philosophie

Geradezu martialisch knapp benennt Adorno eine der zentralen Aufgaben der Philosophie. Es gelte, Weltanschauungen „zu liquidieren“*. Und zwar durch so konsequentes Denken, dass sich alle Ideologie und Verschwörungstheorie darunter auflösen. Denken allein, im alltagssprachlichen Sinn, reicht da nicht; es muss schon die Kniffe der Folgerichtigkeit, logische Strenge und argumentative Genauigkeit beherrschen. Denn in vielem sind sich das Streben nach Wahrheit und die Sehnsuchtsbefriedigung durch eine Weltanschauung verwandt, nur dass diese sich nicht schert, ob real genannt zu werden verdient, was sie behauptet. Einheit und Einfachheit der Vorstellungen sind ihr entscheidend, wie auch der klassische Wahrheitsbegriff sich diese Ideale zuschreibt. Was also ist der Unterschied? Wahrheit beugt sich der Wirklichkeit, wohingegen die Weltanschauung die Wirklichkeit beugt.

* Philosophische Terminologie I und II, Nachgelassene Schriften, Abt IV, Bd. 9, 153

Auf dem Sprung

Wertgeschätzt, um eine der Modetugenden des modernen Managements zu bemühen, wird in einem Unternehmen nicht der, der loyal seine Pflichten übererfüllt. Sondern jener andere, der zu erkennen gibt, stets auf dem Sprung zu sein, egal ob die Karriereleiter hinauf oder hinaus.

Erfolgshunger

Der Standardsatz, ob einer Freund sei, entscheide sich daran, wie er mit deinen Niederlagen und Schwächen umgeht, ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Ebenso gilt, dass so manche Freundschaft des einen Glück und Erfolg nicht überlebt.

Zu viel Überwindung

Das Ausmaß sinnloser Gewalt in dieser Welt scheint zuzunehmen: Vernichtungskriege, Bandenkämpfe, Terroranschläge, Meuchelmorde, Wahnsinnstaten, Polizeiwillkür, Verachtung oder Erniedrigung im Netz – täglich liest und hört man über die hemmungslose Zerstörungswut von Menschen, und es sind nicht nur so viele, weil darüber berichtet wird. Welche Begrenzung fehlt, dass das Grauen sich ausbreiten kann? Die umgekehrte Proportionalität zwischen Kommunikation und Gewalt mag einen Hinweis geben. Wer beherrschen will, muss den anderen überwinden; wer besprechen will, muss sich selbst überwinden.

Geschmacksverirrung

Geschmack bildet sich nur, indem man oft genug das Falsche gewählt hat. Die Irrwege sind es, die das Gehen trittsicher machen.

Die kühle Blonde

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

… „Na, wie fühlt sich das an?“ fragt sie unvermittelt. Gerade einmal eine Viertelstunde ist er jetzt in ihrer Wohnung. Es ist das vierte Date, seitdem sie ihn in der Kunsthalle angesprochen hatte. Er hat alles minutiös gespeichert, wie er da versonnen und zeitvergessen vor einem Karfreitagsstillleben des Malers Michael Triegel stand, das blutende Herz ins Zentrum des Kreuzes geschlagen, umgeben von drei toten Fischen, die dessen Schicksal teilen.
„Na, wie fühlt sich das an?“ Die fremde, aber Vertrauen weckende Stimme trat von hinten an ihn heran, so dass er erschrak. Er wandte sich um und sah in ein zartes, helles Gesicht, die Augenbrauen für den Augenblick der Frage hochgezogen. „Da hat wohl einer sein Herz verloren“, setzte sie fort. Er war noch immer benommen, nur dass er nicht mehr genau wusste, weswegen. Eben noch war er gefangen von dem Altarbild im Stil der Alten, aber unmerklich schien sich die Faszination auf diesen neugierigen Menschen gerichtet zu haben, mit dem er allein im Ausstellungsraum stand. „Ja, so scheint es“, stotterte er den belanglosesten Blödsinn, der sich so sehr unterschied von all dem Tiefen, das er noch Momente zuvor gedacht hatte: Das Wort, das Fleisch geworden war, hing als tödlich verwundetes Organ am Holz; wie ließe sich das brutaler und plastischer zeigen als durch die Anatomie des Lebenssymbols schlechthin. Nichts davon fiel ihm ein, bloß: „Das Herz ist ein paradoxes Körperteil, es kann fast alles, erkalten, triefen, zerreißen, brechen, weich sein.“ Dann fügte er fast zur Entschuldigung an: „Ach, was rede ich.“
Sie blieben während des Ausstellungsbesuchs zusammen, liefen noch durch den Skulpturenpark, tranken einen Espresso und verabredeten sich fürs nächste Wochenende. So ging das schon ein paar Wochen: ein Kaffee hier, der Spaziergang durchs Grün dort.
Heute hat sie gekocht, hat ihn zum Dinner eingeladen in ihr Loft mit Blick auf den Fluss. Beeindruckt von den sechs Meter hohen Industriefenstern, die vom Wasser widergespiegelt werden, steht er schweigend im Raum. „Von der Nachbarwohnung aus gelangt man auf die überdachte Brücke. Das scheint eine Werbeagentur gemietet zu haben.“ „Ist cool hier zu wohnen. Passt zu dir.“ Da hat er sich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. „Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch gar nicht“, erwidert sie. Das Warm up stockt.
„Ich habe ein Curry gemacht.“ Sie wechselt das Thema, um die Verkrampfung zu lösen. „Hoffe, es ist nicht zu scharf.“ „Für mich kann es nicht scharf genug sein“. Er gibt ein wenig an. Denn obwohl er Chilli gut verträgt, mag er es dennoch so dezent, dass es den Geschmack nicht zerstört. „Aber es wird ja nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Schon wieder so eine saudumme Trivialität, denkt er. Da hat sie ihn schon erwischt: „Bei mir ist es genau umgekehrt. Wer mit mir isst, dem wird heißer als die Herdplatte. Komm!“ …

Viertelherzig

Zur Logik der Politik: Du hast die Wahl zwischen Zwecken, die du erreichen willst; musst aber wissen, dass das Mittel erfordert, gegen die zu entscheiden sinnlos ist. Du hast die Wahl zwischen Bedingungen, unter denen an das bevorzugte Ziel zu gelangen ist, aber kannst nur differenzieren zwischen notwendigen, hinreichenden und solchen, die irrelevant sind. Plausibel wählen lässt sich nicht: die Absicht unbedingt realisieren, aber die gebotenen Maßnahmen ignorieren zu wollen.

Beziehungsreich

Beziehungsreich zu sein, das ist ein Ausweis für die Lebendigkeit des Lebens. Jede Krise kappt solche Verhältnisse. Sie ist immer ein Test von deren Belastbarkeit, was so viel meint wie Funktionstüchtigkeit und Symbolkraft. Beides gehört zusammen. Was nur seinen Betrieb aufrechtzuerhalten vermag, ist genauso schwach wie die inhaltsfreie und praxisferne Beschwörung von inneren Regungen und Einstellungen. Ein Paar, das sich selber nicht mehr ernst nimmt, ist genauso seelenleer wie jene zwei anderen, die ihre Liebe feiern, ohne sie zu institutionalisieren. Adäquates gilt für Unternehmen, Verwaltungen, Parteien. Den eigenen Gang der Dinge reibungsverlustarm zu organisieren, hilft, kritische Situationen besser zu ertragen. Talente wie Führungsstärke, Kommunikationsgeschick, Bindungswillen zu wecken tragen dazu bei, aus der Krise mit Gewinn herauszufinden. Denn eine Krise ist nicht überwunden, wenn sie verschwunden ist, sondern wenn wir aus ihr und an ihr gelernt haben.

Aus der Welt der Zwischentöne

Kein Mensch sagt nur etwas, wenn er das Wort – und schon hört es auf mit der linguistischen Neutralität des Sagens – ergreift. Oder findet. Oder mit ihm ringt. Die Intention, die jedes Reden begleitet, formatiert es. So wird eine Bitte flehentlich und erhält eine Reaktion den Charakter der Erwiderung; das Ja klingt ironisch, die Stimme bei einem Vortrag verlegen. Vielleicht lässt sich nicht ein einziger Satz wirkungsvoll verstehen, wenn nicht zugleich die Zwischentöne vernommen werden. Selbst dort, wo reine Informationen (auch die schon eine relevante Auswahl) gegeben werden, hören wir den Anspruch mit, der jede Äußerung von Wert, selbst einer Lüge, stillschweigend begleitet: … und das ist wahr. Wie trainiert man eine künstliche Intelligenz, die das beherrscht?

Selbstverhältnisse

Die menschliche Intelligenz ist weder künstlich noch natürlich, sondern kulturell. Was das bedeutet? Dass alles Begreifen und Verstehen sich gerade nicht darin erschöpft, eine Sache wiederholen oder erklären zu können. Sondern auch eine Haltung zu ihr entwickelt zu haben.

Was will uns der Künstler damit sagen?

Man sollte nicht die Probe machen auf das, was der Interpretation bedarf. Es kommt viel häufiger vor, dass der Autor nicht genau weiß, was er sagen will, als dass der Leser nicht versteht, was der Autor meint. Ambiguität ist eine Eigenschaft hier wie dort. Beides spricht nicht gegen den Text, der gegen seinen Erfinder vom Adressaten zuweilen in Schutz genommen werden muss. Geschriebenes kann klüger sein als der, der es schreibt.

Wortwörtlich

Die Verdoppelung des Worts, das Wortwörtliche, hat die einfachste Form: Ja. Es trennt das Unsagbare vom Unsäglichen, indem es eine Zustimmung einfordert, die keinen Zweifel duldet. Und die wir sonst nur als Geste der Liebe kennen.

Raus mit der Sprache

Deutlich heißt das, was man nicht mehr deuten muss. Alles andere ist die Aufgabe von Kommunikation. Sie sucht im Regelfall durch das Wechselspiel von Rede und Widerspruch nach einer belastbaren Interpretation von Signalen. Da werden Wörter gewichtet, Sätze gewendet, mutmaßliche Botschaften ermittelt und wieder verworfen, nur um zu entdecken, dass Klarheit zuverlässig in die nächste Ungewissheit führt. Hat sie ein Zeichen ihrer Zuneigung gesendet, und wie weit könnte diese reichen? Will er drohen, oder bloß scharf kennzeichnen, was ist und werden könnte? Lässt sich das alles nicht so sagen, dass es selbst die Stumpfböcke unter den wenig Sensiblen verstehen? Was wir allerweltläufig Kommunikation nennen, ist vor allem ein selber hochkomplexes Verfahren zur Reduktion von Komplexität, das nur ein Ziel verfolgt: Die Gespräche sollen nicht abreißen.

Es geschieht dir recht

In vielen Fällen ist die Vorstellung von Gerechtigkeit pragmatisch durchsetzt mit Arten des Ausgleichs. Wo hier eine Differenz schmerzlich empfunden wird, soll ihr dort wenigstens so Genüge getan sein, dass das Umgekehrte gilt. Do ut des, die römische Rechtsformel rechnet mit Gegengeschäft. Der alttestamentarische Tun-Ergehen-Zusammenhang achtet auf die Folgen einer Handlung, die schädlich sein können in dem Maße, wie Schlechtes geschah (die Lebensspanne ist kurz, die Zahl der Nachkommen klein). Auch das populäre Karma gehört in dieses Bild von Gerechtigkeit, so dass ungeachtet einer Daseinsfrist nach der Wiedergeburt noch die Konsequenzen zu tragen seien für das, was man dereinst verbrochen hatte. Die Alltagsformel lautet dafür: Es geschieht dir recht. Gefangen in solcher Ausgleichsgerechtigkeit entwickeln sich unendliche Rachekreisläufe, die dem Los es nicht überlassen wollen, dass einer später büßt für sein übles Verhalten. Sie helfen nach. Der Soziologe René Girard beschreibt diese Gewaltspirale: „Früher oder später kommt anscheinend immer jener Moment, wo man sich der Gewalt nur noch mit Gewalttätigkeit entgegenstellen kann; dabei ist es unwichtig, ob man gewinnt oder verliert – die Gewalt geht immer als Siegerin hervor.“* Doch wie kommt man aus ihr heraus? Die Ratlosigkeit derer, die sich diese Frage stellen, nicht zuletzt angesichts verfahrener Kriege, Politiker oder Therapeuten, Militärs wie Sozialarbeiter, spiegelt vielleicht wider, dass ihrem Wortschatz zwei entscheidende Vokabeln fehlen: Versöhnung und Erlösung, die beide Verzichtskategorien sind und nicht darauf bestehen, worauf wir meist zuallererst pochen – recht zu haben. Gerechtigkeit wäre so gesehen die Aufgabe der Annahme, im Recht zu sein.

* Das Heilige und die Gewalt, 50

Unvergesslich

Es gibt Bewegungsabläufe, die einmal gelernt, ins Körpergedächtnis eines Menschen eingehen. Schwimmen gehört dazu, Radfahren, das Gehen und Laufen, vielleicht sogar Zahlenfolgen, die oft genug eingetippt der Finger eher beherrscht als das Hirn. Sie bleiben, unter gesunden Voraussetzungen, zuverlässig erhalten bis ins höchste Alter. Dennoch würden wir sie kaum Routinen nennen, sondern ihnen vermutlich Natürlichkeit zusprechen, obwohl sie eigens einmal erlernt werden mussten. Von den geübten Fertigkeiten, von einem know how unterscheiden sie sich, weil der Automatismus Lebensfunktionen aufrechterhält, die in der Zeitspanne eines Menschendaseins wohl nicht ernsthaft in Frage gestellt werden, eine zweite Natur repräsentiert. Gewiss, auch die Natur muss aus Anlass „umlernen“; es wird aussortiert, was sich veränderten Umweltbedingungen nicht anzupassen vermag. Das hat mit den eingeschliffenen Gewohnheiten aber wenig zu tun. Sie geben sich zwar gern aus als eine Art Natürlichkeitszwitter, sind indes nicht bewahrenswert, wenn es die Umstände verlangen. Wie sich dieses Erfahrungswissen unterscheiden lässt von all den schönen Formen erworbener Selbstverständlichkeit, die wir geneigt sind, als strukturfeste Muster auszugeben? Vielleicht hilft die Differenz zwischen Vertrautem und Vertrauen. Aufgeben und vergessen lässt sich alles Vertraute, das das Vertrauen in seinem Grund nicht hält und formatiert.

Bedürftig

Die Versuchung der Sozialpolitik: Es ist ein nur kleiner Schritt vom edlen Motiv, andere zu schützen und zu unterstützen, hin zu deren Entmündigung.

Ein Mensch mit Hintersinn

In den Vordergrund rückt der Hintersinn nicht selten im Austausch mit Menschen, denen gemeinhin Tiefgründigkeit unterstellt wird. Sie können nicht charakterisieren, ohne sich sofort der Vermutung auszusetzen, sie kommentierten oder kritisierten gar eine Sache. Dabei äußert sich profund nicht der, der seine wirkliche Überzeugung zurückhält, sondern der, der sich nicht fürchtet, dass ihm die Gedankenfülle einmal ausgehen könnte.

Wunschlos glücklich, glücklos wünschend

Es gibt Sehnsüchte, deren Erfüllung man sich schon deswegen nicht wünscht, weil man ahnt, dass das Streben schöner ist als das Erstrebte.

Zwei linke Hände

Die Wendung, einer habe „zwei linke Hände“, führt auf die falsche Fährte. Man kann die Qualität eines Handwerkers weniger an der Praxis im physischen Umgang mit Maschinen, Werkzeug oder dem Material festmachen als an geistigen Talenten. Erst denken, dann handeln: dieser schlichte Grundsatz zur Qualität des Metiers erkennt die Hemmung als entscheidendes Kriterium für gute Leistungen. Die Reflexion sorgt dafür, dass aus der unmittelbaren Reaktion auf den Ausfall eines Geräts, die Bearbeitung einer Aufgabe eine sinnvolle Tätigkeit wird. Der Soziologe Richard Sennett hat das systematisiert: „Drei elementare Fähigkeiten bilden die Grundlage handwerklichen Könnens. Die Fähigkeit, zu lokalisieren, zu fragen und zu öffnen. Bei der ersten Fähigkeit geht es darum, Dinge konkret zu machen, bei der zweiten darum, über deren Qualitäten nachzudenken, und bei der dritten schließlich, deren Bedeutung zu erweitern.“*

* Handwerk, 368