Nicht alles

Das eigene Tun zu begrenzen, ihm ein Maß zu geben, macht die Grundunterscheidung aus, die kluges Handeln unterscheidet von dem, was uns überfordert. Nicht selten entstehen die größeren Möglichkeiten aus dem, was man lässt.

Liebenswürdiger Kriegstreiber

Nichts macht aggressiver als Freundlichkeit im falschen Moment. Es ist ein gutmütiger Irrtum zu glauben, dass Liebenswürdigkeit Konflikte nur schlichtet. Im selben Maße schürt die Auseinandersetzung, wer nicht versteht, dass die gesammelte Harmlosigkeit den Bissigen beleidigt und ins Unrecht setzt.

Ohne Richtung

Viel verrät, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben angehen, jener Augenblick, in dem sie ihre Orientierung verloren haben. Auf der Suche nach einer Richtung bleiben die einen panisch stehen, die anderen drehen sich hektisch, ja geradezu kantig im Kreis und Dritte wiederum geben sich selbst provisorisch einen Weg vor, den sie in unbeirrter und doch fragiler Gewissheit heiter beschreiten.

Schutzräume

Was leicht übersehen wird: In der Diskretion geht es sehr viel weniger um Geheimniskrämerei als um die Garantie für Geborgenheit.

Das Janusgesicht der Welt

Die Welt verliert in dem Maße ihren hohen Unterhaltungswert, wie aus ihr der Hintersinn und die Doppeldeutigkeit ausgetrieben wird.

Die Kunst der Unterlassung

Die intelligente Variante des Problems „Was tun?“ ist die Frage: Was lassen?

Tischgespräche

Man sollte bei all den kunterbunten Gelegenheiten zur sozialen Vernetzung, den Geschäftsessen, Kongressen oder Branchenevents, den Parties nach Dienstschluss und Weihnachtsfeiern, eine Regel verpflichtend einführen: keine Fragen nach dem beruflichen Wirken, keine Auskünfte über Positionen oder akademische Grade, kein Gespräch über das eigene Fach. Solche Begegnungen würden wohl zäh beginnen, aber tief enden; wohingegen jedes networking sich so rasch entwickelt, wie es meist im Flachen verweilt. An der berühmten Mittagstafel von Immanuel Kant durften keine philosophischen Themen besprochen werden. Es sollte vielmehr das Tischgespräch einer dreistufigen Dramaturgie folgen: 1. Erzählen, 2. Räsonieren, 3. Scherzen – vor allem aber sei die „Rechthaberei“ zu meiden, auf dass die Unterhaltung stets eines sein könne, was das „Wohlleben“ der Humanität befördert: „kein Geschäft, sondern nur Spiel“*.

* Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, B 248ff.

Menschenfänger

Die schönste Form der Neugier ist nicht daran interessiert, für sich etwas zu wissen, aber sie will von anderen etwas erfahren. Sie sammelt weniger Informationen, als dass sie Beziehungen formt. Eine Frage so zu stellen, dass es zur Lust wird, auf sie zu antworten, kennzeichnet ihr größtes Talent: die Begabung zum fortsetzungsfordernden Gespräch.

Vorsicht, Abgrund!

Man kann auf zweierlei Weise aus dem Leben fallen: nach vorn und nach hinten. Wer seiner eigenen Zeit immer wieder voraus ist, erlebt dieselbe Einsamkeit und das gleiche Unverständnis wie der, der von ihr abgehängt worden ist.

Komplizierte Komplizenschaft

Komplizenschaft ist eine Beziehung, die zwischen Kollegialität und Freundschaft, Liebesverhältnis und Gelegenheitsprofessionalität changiert, im Kern aber die Verschwiegenheit über das enthält, was man miteinander teilt. Dieses Schweigen ist ein anderes als das der Diskretion oder das verpflichtende in Rechtsbeziehungen. Vielleicht ist ja Komplizenschaft in nichts anderem begründet als im Unausgesprochenen, auf das man sich stillschweigend geeinigt hat. Wer sie kündigt, wird als Verräter geächtet.

 

Moralische Allgegenwart

Eine Tugend, die ihr Maß verliert, wird zum moralischen Terror.

Fröhlicher Frust

Zynismus ist die Beobachtungsform der Enttäuschung; Wut die Weise, wie die Frustrierten handeln.

Offene Taschen

Die Romantik der Großzügigen verdichtet sich in der Überzeugung, sie könnten mit ihrer lustvollen Freigebigkeit andere ermuntern, das Herz auch weit zu öffnen. Konfrontiert mit Krämerseelen und Kümmelspaltern ist die Realität dieser Spendablen vor allem aber ein zäher Kampf wider die Enttäuschung, dass die Freude am generösen Geben selten infektiös ist.

Macht ernst, Machtspieler

Moralische Bestimmung der Macht: Sie ist nichts als Verantwortung für den anderen.

Staatskunst

Man kann die Qualität einer Politik an einem einfachen Maßstab festmachen, der Frage: Inwieweit gelingt es ihr, die Menschen einer Gesellschaft von allen Bedingungen des Überlebens so zu entlasten, dass diese sich die Bedingungen ihres Lebens selber wählen können?

Entweder, oder

Wenn es eine Grundalternative im Leben gibt, lautet sie wohl: Liebe oder Angst. Aus ihr ließen sich viele Fehlformen und Verirrungen des Daseins ableiten – die sich entweder aus Angst vor der Liebe ergeben, vom hartnäckigen Bindungsunwillen bis zur innig gepflegten Feindschaft; oder eine heimlich faszinierte Liebe zur Angst darstellen, als die sich nicht zuletzt etliche unserer kleinen und großen Neurosen verstehen lassen.

Großmannssucht

Allmachtsphantasien sind immer Ohnmachtsphantasien.

Selbstporträt

Der Unterschied zwischen einem fotografischen Porträt und einem Selfie reicht jenseits der Technik des Augenblicks tief in die Mythologie und Psychologie: Als der Selbstverliebte – so die Erzählung – von seinem Spiegelbild angezogen wurde, hatte er mit einem Mal vergessen, wie sehr der Fremde nötig ist, sich zu erkennen. Narzissmus ist das Missverständnis der Unmittelbarkeit, der Irrglaube, es könne ohne Umschweife der Weg zu sich gefunden werden; das Selfie beruht auf dem Trugschluss, die Einsicht ins eigene Ich könne optisch erzwungen werden, wenn das organische Sehen keine Selbstanschauung ermöglicht.

Bedingungslos

Unter allen Sätzen Luthers ist die letzte These der „Heidelberger Disputation“ von 1518 der wichtigste: „Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.“ Größeres lässt sich über das Größte, die Liebe Gottes, nicht sagen, Ehrlicheres nicht über das, wozu wir allzu menschlich Liebenden im besten Fall fähig sind. Schöner lässt sich über Barmherzigkeit nicht erzählen; erträglicher unser Dasein nicht beschreiben. Nichts tun müssen, um angenommen zu sein. Nichts hinzutun können, weil alles schon getan ist.

Das kurze Leben, die lange Kunst

Das Argument ist die Erfindung eines Geistes, der es leid war, den anderen durch schier endloses Reden in die Erschöpfung zu treiben, und der nach einem Mittel gesucht hatte, den Prozess der Übereinkunft abzukürzen. Die amerikanische Institution des Filibuster, jenes Dauerredens im Senat, das einer Minderheit erlaubt, Mehrheitsbeschlüsse aufzuhalten, ist die vielleicht klarste Erinnerung an das, was einst noch nicht Überzeugung hieß und doch auf die zwanglose Zustimmung zielte.

Blickdicht

Er schwärmte genau so lang für eine offene Architektur, für lichte Räume und bodentiefe Fenster, bis er spürte, dass besser zu sehen meist bedeutet, besser gesehen zu werden. Was in der Blickrichtung nur eine Frage des Standorts ist, ob von innen nach außen geschaut wird oder von außen das Innen beobachtet, empfindet das Ich als absoluten Unterschied zwischen Weite und Scham, Freiheit oder Beklemmung.

Das Bällebad für Erwachsene

„Wellness“ ist der Name, mit dessen Hilfe dem Menschen seine eigene Degeneration schmackhaft gemacht werden soll.

Denkfaulheit

Nicht selten ist Denkfaulheit das spiegelverkehrte Kennzeichen eines wachen Geistes. Aus der Erfahrung, dass es ihm stets reichte, wenn seine Einfälle noch ein wenig länger herumlagen, als es bei anderen die Gewohnheit war, hat er Anstrengungsfreiheit zur intellektuellen Kunst entwickelt. Schlimmer noch, wenn die blasierte Müdigkeit im Kopf das Ergebnis häufiger Enttäuschung darüber ist, dass einer mit seinen Ideen meist zu früh gekommen war.

Die ganz normale Härte

Noch einmal „Zu schön, um wahr zu sein“: Realität erschließt sich weniger ästhetisch als moralisch. Sie ist, was zur Stellungnahme im Handeln zwingt und die bloße Beobachtung nicht mehr zulässt. Wahrheit gilt dabei als anderer Name für eine widerständige Wirklichkeit. In ihr ist Mut das Kriterium, an dem sie sich messen lässt, nicht Anmut.