Fluchtursachen

Politiker könnten viel gewinnen, wenn sie wieder den Ernst einer, auch unangenehmen, Frage respektierten und ein Interesse daran zeigten, Erwiderungen als Antwort zu geben. Es ist nicht zuletzt ihr Hang zur wortreichen Ausflucht, der den Wähler nachhaltig in die Flucht treibt. Nicht selten steht dem Volksvertreter der spielerische Ehrgeiz ins Gesicht geschrieben, dass er sich durch lästige Auskunftsrechte herausgefordert fühlt und einen Großteil seines Erfolgs daraus ableitet, wie wirkungsvoll ihm gelingt, in gestanzter Sprachmächtigkeit nichts zu sagen. Sein fatales Ziel ist, dass der Bürger die Lust an der Frage verliert. Wo aber keiner mehr nachfragt, versiegt das Gespräch.

Erfolge der Erbfolge

Je erfolgreicher und stärker die Vorgänger, desto eher gelingt die Erbfolge, wenn die nächste Generation übersprungen wird und gleich die Enkel drankommen.

Der Witzbold im Alltag

Die Etymologie gibt Auskunft darüber, dass der Witzbold, früher auch „Klügling“ genannt, einst als ein Mensch angesehen wurde, dessen Verstand so stark und kühn erschien, dass er andere durch seine Reden mitriss. Wie so vieles ist auch der Witzbold inzwischen zu einem Oberflächenphänomen geworden. Sein Mut und die Kraft seiner Äußerung degenerierte zu neckischer Affektiertheit; die Schärfe seiner Gedanken verkümmerte zur oft lächerlichen Pointensuche. Wenig ist übrig geblieben von einem überraschenden Geist. Eines aber hat sich verschoben: die Zwiefältigkeit, die jeden Scherz auszeichnet und die sich im befreiten Lachen über ihn auflöst, ist beim Alltagswitzbold der Unsicherheit gewichen darüber, ob er eine Sache ernst oder humorig meint. Nimmt man sie als Spott, fühlt er sich bemüßigt, darauf hinzuweisen, es stecke schon mehr darin. Greift man deren Seriosität auf, wird man gleich gescholten, keinen Spaß zu verstehen.

Der Manager als Magier

Wichtiger als jedes vollständige Bild über Gelegenheiten und Risiko, Chancen und Friktionen, die Möglichkeiten und das Scheitern, ist für eine attraktive Perspektive der Glaube ans Gelingen. Was helfen genaue Pläne und wohlfeile Strategien, wenn nicht die Gewissheit hinzukommt, das Ziel trittsicher erreichen zu können. Manager, die nicht Magier sein können, rufen jene verborgenen unternehmerischen Kräfte nicht hervor, die so manches Projekt gegen Widerstände und Widrigkeiten erst hat erfolgreich sein lassen. Eine Perspektive ohne Glauben ist kurzsichtig; einer Perspektive ohne Plan fehlt die Übersicht.

Übermut und Überdruss

In Phasen des Übermuts reicht unser Gespür gelegentlich nicht, den richtigen Zeitpunkt zu treffen aufzuhören. Man bleibt genau jenen Moment zu lang auf einer Party, in dem die nüchterne, objektive Bestimmung, alles sei endlich (auch die heiterste Atmosphäre), vergoren ist zu einem Stoßseufzer der erleichterten Gastgeber darüber, dass der Besucher letztlich doch das Haus verlassen hat: „Endlich!“.

Die Paradoxie des Opportunisten

Obwohl er auf konkrete Gelegenheiten reagiert, sind die Entscheidungen des Opportunisten immer abstrakt. Ihnen fehlt, vor allem wenn es sich um gesellschaftsrelevante Beschlüsse handelt, der Bezug zum großen Panorama. Wie Striche, die sich nie über ein anschauliches Bild zuordnen lassen, sondern vereinzelt und zufällig auf dem Blatt Papier verteilt sind, wirken auch viele politische oder wirtschaftliche Abstimmungen, als seien sie einer Tageslaune entsprungen. Da wundert es wenig, dass der Bürger oder Mitarbeiter nicht nachzieht. Und der Gipfel von dessen Verachtung ist erreicht, wenn das als ein Kommunikatiosmanko erklärt wird, als habe man den Sinn der Sache nicht genügend vermitteln können, weil deren Empfänger Schwierigkeiten im Verstehen hat. Opportunismus erwächst meist aus einem anderen Mangel: Ihm fehlt die Perspektive.

Lesezeichen

Dem Leser erschließt sich die Qualität eines Buchs an dessen sensibelsten Stellen unmittelbar. Sobald der erste Satz eines Romans Sogkräfte entwickelt, die die Lektüre dauerhaft begleiten, darf er auf jene spezifische Wehmut hoffen, die sich beim letzten Satz einstellt, wenn er die Kunstwelt aus Worten wieder verlassen muss. Beim Autor ist das oft umgekehrt: Zweifelnd brütet er lang über den Einstieg in den Text, wohingegen die Schlusspointe sich nicht selten beim Schreiben von selbst ergibt.

Buchvergessenheit

Wer sich je von den kleinen Helden der Astrid Lindgren als Kind gedankenverloren hat faszinieren lassen oder die Schmerzen mitlitt, die Old Shatterhand erfassten, als sein Blutsbruder im Sterben lag, der hat erfahren, was die größte Lust des Lesens ausmacht: das Vergessen. Vergessen wird das Buch in der Hand, der Sessel, in dem man sitzt, die Stunde, der nächste Termin, die abendliche Müdigkeit, kurz: die eigene Welt. Lesen bedeutet, im Fremden sich so zuhause fühlen zu dürfen, dass das Zuhause für einen Augenblick fremd erscheint, wenn das Kapitel geendet hat.

Formfragen

Zynismus erwächst immer aus einem Ungleichgewicht zwischen Inhalt und Form zugunsten der Form. In dem Maße wie er eine Sache verachtet, legt er den Wert auf deren Erscheinung. Nichts scheut er mehr als den Streit um Recht oder Wahrheit. Das Spiel mit Äußerlichem dient ihm, den Schmerz zu vermeiden, der mit einer ernsthaften Auseinandersetzung einhergeht. Wo andere sich begeistern, engagieren, verletzen lassen um einer Überzeugung willen, pflegt er distanzierte Gleichgültigkeit, so lange die Fasson gewahrt bleibt.

Vornehm verlegen

Denen, die sie nicht haben, das Gefühl der Ohnmacht zu nehmen, zeigt die vornehme Seite von Macht. Nie wirkt sie hässlicher als im Triumph über die Niederlage der anderen. Es steht der Macht gut an, über sich selbst stets ein wenig verlegen zu sein.

Die zwei Seiten des Talents

Nur das Talent, vor dessen Zerstörungskraft wir genauso viel Respekt empfinden, wie wir seine gestalterischen Leistungen schätzen, ist uns am Ende nützlich. Es gibt keine große Begabung ohne große Gefährdung.

Zeit für eine Revolution

Wenn die eigenen Beschlüsse von den Politikern nicht mehr verstanden werden; wenn die Lösungen zu jenen Problemen nicht passen, die den Beschlüssen entstammen, welche von den Politikern nicht begriffen worden sind; wenn die Wähler sich von den Politikern entfremden, weil die Lösungen von den Problemen nicht befreien, die durch Beschlüsse in die Welt kamen, deren Tragweite nie bedacht wurde; wenn das, was zur Wahl steht, keine Besserung verspricht, da billige Vereinfachungen den Wert einer tiefen Klarheit in Entscheidungen nicht ersetzt, der vor allem darin besteht, dass keine Fragen aufkommen müssen, denen nur mit verzweifeltem Gleichmut angemessen erwidert werden kann, welcher wiederum leicht mit Verdrossenheit verwechselt wird, … dann ist es Zeit für einen grundlegenden Neuanfang.

Lustfaktor

Der größte Lustanreiz: eine geliebte Sache längere Zeit nicht anrühren zu können. Es wird immer der Trieb hervorgehoben, der die Lust steuert; nicht minder wesentlich ist ihr der Verzicht. Lust zu haben, bedeutet, für eine gewisse Zeit keine Zeit für sie aufwenden zu können.

Ich kann nichts dafür

Vielleicht ist es jener nie bestimmbare Augenblick, in dem wir Verantwortung übernehmen, ohne gleich fürchten zu müssen, schuldig zu werden, der uns zu erwachsenen Menschen macht. Er befreit von projektiven Sätzen wie „Ich kann nichts dafür …“ oder „Ich war es nicht …“, die als Abwehrformeln die versuchte Zuschreibung einer Tat oder dessen, was aus ihr hervorgegangen ist, verhindern wollen. Eine reife Persönlichkeit versteht Verantwortung stets aktiv, also nicht als Risiko, verantwortlich gemacht zu werden, sondern als Gelegenheit, verantwortlich handeln zu können.

Ein letztes Wort

Der Bekannte berichtet von einer Beerdigung, der er jüngst beiwohnte: Der Verstorbene, den man da feierlich zu Grabe trug, hatte noch im Bewusstsein seines bevorstehenden Todes, Zeit für ein letztes Wort gefunden. Kein Abschiedsgruß, kein bedeutsamer Satz. Er verriet seinem Partner schlicht den Code des Smartphones. Es gibt kein größeres Zeichen innigen Vertrauens und der Liebe im digitalen Zeitalter, als dem anderen freien Zugang zu gewähren zu den verschlüsselten Geheimnissen des eigenen Lebens.

Warum Architekten Schwarz tragen

Jeder Raum ist eine auf tausend Arten geformte Abwandlung des Lichts.

Mach nur

Viel Unheil könnte in dieser Welt vermieden sein, wenn wir größeres Vertrauen hätten in unsere Fähigkeiten. Statt uns zu begnügen mit der Einsicht in das, was wir machen könnten, testen wir es in der Regel aus, um uns seines Potentials zu vergewissern. Das Wenigste muss gleich verwirklicht werden, um zu erkennen, was alles möglich ist.

Der Anachronismus der Bewegung

Größer als beim Geist ist des Körpers Lust, anachronistisch zu sein. Der Spaziergang oder das Wandern sind eine Bewegungsform, die aus der Zeit gefallen ist.

Fremdwörter

Nicht selten zeichnen sich die besten unter den eigenen Gedanken dadurch aus, dass sie uns ganz und gar fremd erscheinen.

Großartig

Der Superlativ ist die grammatikalische Form der schwachen Geister. So schnell wie sie entdeckt niemand das Außerordentliche, so leichtfertig redet keiner über Großartiges. Ihre Vorliebe für kommunikative Extreme lässt sie noch die Fremdscham goutieren, wenn das Selbstlob danebengeht.

Bekenntnisschrift

Der Frager: Wie viel Eigenes steckt in Ihren Geschichten?
Der Autor: Wie viel Fremdes steckt in Ihrer Frage?
Der Frager: Da ist viel geborgte Neugier drin. Ich bin nicht der Erste, der das wissen will.
Der Autor: Auch meine Erzählungen handeln von einem geliehenen Leben. Ich bin nicht der Letzte, der das nicht beantworten kann.

Zwischen den Zeilen

Aus dem noch ungeschriebenen Roman

Während er gern Klartext redete, legte sie ihre Botschaften in der Regel zwischen die Zeilen. Ihr war das deutliche Wort zu laut, zu grobschlächtig, nicht vornehm und feinsinnig genug. Überhaupt ertrug sie Auseinandersetzungen nicht gut, schluckte lieber den Ärger, als dass sie ihn auf die Lippen brachte. „Brüll nicht immer so“, warf sie ihm vor, wenn er erregt war. Wild gestikulierte er, sein wütender Bewegungsdrang befreite ihn vom angestauten Unmut; sie hingegen sprach so leise, dass es nur in den Schweigephasen des Streits zu verstehen war. Und dann auch allenfalls rätselhaft, angedeutet, abstrakt. So ging das Jahre. Der Klassiker war: „Was hast du?“ Achselzucken. „Sag doch mal.“ Schweigen und ein bedeutsamer Blick. „Wenn du nicht sprichst, kann ich nicht auf dich eingehen.“ „Du versteht mich sowieso nicht.“ Meist war es dann um die Contenance geschehen. Er holte tief Luft und presste sie zwischen den Zähnen hervor. Seine Nasenlöcher bliesen sich auf zu Nüstern, aus denen er vernehmbar schnaubte. „Sag endlich, was du hast“, flüsterte er angestrengt. „Nichts“, antwortete sie und wendete das Gesicht ab. „Aber dir fehlt doch was?“ „Ja. Alles.“ In dem Moment brach es üblicherweise aus ihm heraus. Auf sie ergoss sich dann ein Schwall von eigenen Nöten, Vorwürfen, ehrlicher Sorge, umso lautstarker, je stiller sie wurde. Doch diesmal war er anders. „Wenn du willst, dass ich deutlich bin, wohingegen du nur zwischen den Zeilen redest, dann musst du dich nicht wundern, wenn kein einziges Wort von mir deinen Wünschen begegnet. Alles, was ich sage, kannst du hören. Alles, was du sprichst, muss ich erraten. Du redest, ich rede; aber wir haben uns nichts mehr zu sagen. Zwischen den Zeilen ist nie genügend Platz für zwei. Verstehst du?“ Sie sah ihn nur traurig an.

Betrachtungen eines Unpolitischen

In einer repräsentativen Demokratie verhält der Politiker sich unpolitisch in dem Maße, wie er seiner angestammten Aufgabe nicht nachkommt, das Volk zu vertreten. In Krisenzeiten bedeutet, unpolitisch zu sein: unverantwortlich zu handeln. Man durfte gespannt sein, was der Regierungskoalition bei so viel Einsicht, mit der Causa Maaßen einen Fehler begangen zu haben, einfiele, diesen Irrtum zu korrigieren. Das Ergebnis zeigt – man kann es kaum anders sagen – eine Kaste von Mächtigen, deren Sensibilität für das, was Gemeininteresse heißt, abhanden gekommen ist. Durch Postengeschacher, Gegengeschäfte oder parteipolitische Winkelzüge mag zwar ein Problem gelöst werden, aber sie verraten die Würde des Amts, das solche Machtspiele überhaupt erst ermöglicht.

Der Ernst der anderen

Wir leben in einer Zeit, in der einem angesichts bitternster Verirrungen das Lachen nicht im Halse stecken bleiben darf. So manche gesellschaftliche Deformation lässt sich am besten bekämpfen, indem man die unfreiwillige Komik ihrer aufgeblasenen und aufgeladenen Symbolik oder beschwörenden Reden ins Absurde übertreibt. Das Lachen ist die verlegene Anerkennung des Unvermeidlichen, das um jeden Preis vermieden werden muss*, weil „in ihm gerade Nicht-Domestizierbares domestiziert“ wird.** Lachen bedeutet, sich nicht raushalten zu können, auch wenn man nicht immer seriös eingreifen kann.

* Die Formel setzt sich ab von jedem dogmatischen Umgang mit individuellen oder sozialen Entwicklungen und versucht, eine Antwort zu geben auf die Frage, warum Menschen trotz besserer Einsicht und schlechten Erfahrungen von Neuem Ideologien verfallen, Hass und Gewalt ausbrechen lassen, Ressentiments pflegen, dümmsten Parolen erliegen. Nur der Dogmatismus meint, „ausrotten“ zu können, was ihm nicht ins Weltbild passt.
** Vgl. Klaus Heinrich, dämonen beschwören, katastrophen auslachen. Reden und kleine Schriften 3, 73.