Tag: 16. Oktober 2022

Weltgericht

„Jetzt wäre die Zeit, Dante, für ein genaues Weltgericht.“ So schreibt es Elias Canetti nach der großen Katastrophe im August 1945*. Wie könnte dessen Genauigkeit heute aussehen, da die Welt sich wieder in sich selbst entmutigend verstrickt? Es wäre, weil schon immer mit dem Jüngsten Tag die Hoffnung verbunden ist, dass alles ans Licht kommt und zu radikaler Differenzierung führt zwischen Gut und Böse, Wohlgesonnenheit und Schwäche, Niedergeschlagenheit und Niedertracht, ein endloses Unterfangen. Denn zu jeder Haltung und jedem Motiv gesellt sich ein Widerspruch, der nicht aufzulösen ist. Das letzte Wort müsste ausbleiben, außer dass allen klar zu machen wäre, auf einen eleganten Ausgang nirgendwo setzen zu können, selbst bei denen nicht, die in bester Absicht gehandelt haben. Präzision im Weltgericht könnte nur darin bestehen, dass eine Unterscheidung zu maximaler Geltung gereift ist: für niemanden Freispruch, aber für alle die Hoffnung auf Gnade. Eine skandalöse Vorstellung.

* Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942 – 1972, 94